Interview

„Gutes Aussehen ist immer hilfreich“

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Volker Blech

Sol Gabetta stellt in Berlin ihr Album vor. Ein Gespräch über Einsamkeit, Chopin und Karriere

Sie ist ein Cello-Star, er einer der gefragtesten Pianisten seiner Generation. Jetzt haben Sol Gabetta, 33, und Bertrand Chamayou, 33, „The Chopin Album“ eingespielt und stellen es am Dienstag und Mittwoch in Berlin vor. Cellistin Sol Gabetta hat seit Jahren eine treue Fangemeinde in der Stadt, an der Musikhochschule „Hanns Eisler“ hatte sie als Schülerin von David Geringas ihr Konzertexamen abgelegt. Inzwischen ist sie reisende Virtuosin, Festivalchefin und Fernsehmoderatorin.

Berliner Morgenpost:

Jetzt spielen Sie Chopin, der doch eigentlich allen Klavieregomanen, Dandys und anderen Salonlöwen zusteht?

Sol Gabetta:

Zuerst wollten wir gar nicht Chopin aufnehmen, sondern Mendelssohn. Dann erlebte ich, mit welcher Leichtigkeit und strukturellem Verständnis Bertrand spielen kann, da kam Chopin einfach zu uns. Aber wir haben Jahre gebraucht, um uns an ihn heranzuwagen. Die Sonate op. 65 ist ein unheimlich komplexes Stück.

Chopin muss Ihnen doch vom Wesen her sehr fremd sein?

Das ist für mich eine völlig neue Art zu musizieren. Streicher spielen ihn sehr selten, eigentlich nie. Es gibt ja keine Sinfonien, wo man als Cellist ein Teil davon sein kann. Für einen Streicher ist es ungewöhnlich zu sehen, wie etwas hochgradig strukturiert ist und zugleich völlig frei, ja fast improvisiert klingen muss. Chopin ist Struktur und Freiheit. Aber diese Freiheit hat nichts Chaotisches.

Es ist Ihre erste CD in Duobesetzung. Bei Ihnen beiden ist eine Verrücktheit des Klassikbetriebs zu sehen, nämlich die streng getrennten Kulturkreise. Bertrand Chamayou hat im französischsprachigen Raum einen Namen, Sie haben Ihre Erfolge vor allem im deutschsprachigen Raum.

Das hat verschiedene Gründe. Leider kommt das Publikum oft nicht in ein Konzert, um bestimmte Werke zu hören, sondern um einen bestimmten Künstler zu erleben. Das Publikum folgt gerne seinem Lieblingskünstler. Das ist toll, wenn man einer ist. Für alle anderen ist es katastrophal. Es ist vergleichbar mit der Popwelt.

Ist das Dasein als reisende Virtuosin das Leben, das Sie sich immer gewünscht haben?

Die Frage habe ich mir so nie gestellt. Als junge Musikerin wusste ich gar nicht, dass es so ein Leben gibt. Mit 20 dachte ich ganz pragmatisch, von irgendetwas muss ich ja leben als Musikerin. Ich war schon bereit, bei Orchestern vorzuspielen. Man muss das schon mögen, ständig unterwegs zu sein. Vor allem aber muss man in der Lage sein, vor 2000 Leute aufzutreten. Es gibt viele, die ihre Nerven nicht unter Kontrolle bringen können. Solange ich meine innere Balance habe, bin ich glücklich. Ich könnte mir nicht vorstellen, einen geregelten Bürojob zu haben. Das wäre nichts für meinen Charakter.

Das ständige Reisen klingt auch nach einem einsamen Leben?

Was heißt einsam? Ich habe ein soziales Leben wie andere auch. Und heutzutage sind wir doch alle über Facebook, Twitter, Computer, Telefon irgendwie miteinander verbunden. Deswegen muss man aber nicht in enger Verbindung mit anderen sein. Die wichtigste Verbindung, die man im Leben braucht, ist die zu sich selbst. Viele Probleme kann man nur mit sich selbst lösen. Und wir werden einsam geboren und sterben auch allein.

So ernst kenne ich Sie gar nicht.

Wenn mir Leute beispielsweise sagen, dass ich doch voller Freude sein kann, bedeutet das erst einmal wenig. Ich selbst muss die Freude empfinden. Insofern ist es wichtig, mit wem ich gemeinsam Musik mache.

Sie leben in der Schweiz, haben eine Wohnung in Berlin. Wie häufig sind Sie hier?

Na ja, drei Tage klingt vielleicht wenig. Aber in der letzten Zeit war ich ziemlich häufig hier. Meine Plattenfirma ist in Berlin, ich habe hier viele Freunde. Außerdem liebe ich die Stadt und verfolge seit meiner Berliner Studienzeit aufmerksam alle Entwicklungen. Ich wusste immer, wenn ich ein bisschen Geld habe, werde ich mir eine Wohnung in Berlin kaufen. Darauf bin ich ganz stolz.

Sie sind in einer Zeit in den Klassik-Markt gekommen, als die Plattenindustrie glaubte, alle Virtuosen – Männer wie Frauen – müssten auch Models sein.

Das stimmt. Aber die Welle begann erst zwei, drei Jahre nach meinem Vertrag.

Ist es für die künstlerische Glaubwürdigkeit besser oder schlechter, attraktiv zu sein?

Damals war es ein Versuch, Persönlichkeiten zu finden, die das Publikum mitreißen können. Letztlich muss immer mehr dahinter sein, um eine künstlerische Karriere zu machen. Eine Karriere kann man nicht kaufen, sie wird über Jahre hinweg entwickelt. Generell glaube ich, dass es für Frauen am Anfang der Karriere leichter ist, sie es aber später schwerer haben. Männer haben schwierigere Einstiege, es dann aber leichter, dabeizubleiben.

Aber die meisten Klassik-Models sind inzwischen wieder verschwunden?

Dennoch ist das Visuelle immer etwas Wichtiges, auch auf der Bühne. Es ist jedenfalls immer hilfreich, wenn man gut aussieht. Keiner wird ernsthaft das Gegenteil behaupten.

Dussmann, Friedrichstr. 90. Am 17.2. um 19 Uhr auf der Kultur-Bühne

Philharmonie (Kammermusiksaal) am 18.2. um 20 Uhr