TV-Kritik

„Tatort“ aus Leipzig: Eine schrecklich feindselige Familie

| Lesedauer: 3 Minuten
Nina Paulsen

Wut und Hass: Der Tod des Patriarchen

Harald Kosen ist ein Choleriker, laut, aggressiv, ungerecht – und er hat keine Scheu vor körperlicher und verbaler Gewalt. Auch nicht gegen seine Familie. Es gibt also jede Menge Menschen, die ein Motiv haben, als Kosen (Bernhard Schütz) in seinem Schlafzimmer aufgefunden wird, nicht nur ermordet, sondern „übertötet“, wie es Kommissar Andreas Keppler (Martin Wuttke) nennt. Das Blut ist überall. Auf dem Bett, auf dem Boden, an den Wänden.

Es geht um Wut in diesem „Tatort“ aus Leipzig, und um Hass. Um abgrundtiefen Hass, der sich in die Psyche einer Familie hineingefressen hat, sodass sich deren Mitglieder in apathischer Feindschaft gegenüberstehen. Die Gewalt des toten Patriarchen lebt zwischen den Geschwistern fort. Eigentlich eine spannende Ausgangslage für das Ermittlerduo aus Leipzig, das in „Blutschuld“ seinen vorletzten Fall zu lösen hat. Anfang 2014 kündigte der MDR an, Keppler und Eva Saalfeld (Simone Thomalla) in den Ruhestand zu schicken. Auch wenn es schon schwächere Folgen aus Leipzig gab, muss man nach diesem Sonntag sagen: zu Recht.

Das liegt nicht an den teils drastischen Gewaltszenen, sondern am dicht gestrickten Plot. Erzählt werden die Geschichten von Sohn Patrick Kosen (Tino Hillebrand), Tochter Sofie (Natalia Rudziewicz), deren Mann Frank Bachmann (Alexander Khoun) und von Harald Kosens früherem Geschäftspartner Christian Scheidt (Uwe Bohm), dessen Tochter das tote Familienoberhaupt wegen seiner rabiaten Fahrweise offenbar auf dem Gewissen hat. Jede der Figuren hat einen schweren Rucksack an Schmerz, Enttäuschung und Verletzung zu tragen. Ausgeschöpft wird das Potenzial dabei jedoch nicht – der „Tatort“ kratzt nur an der Oberfläche der Charaktere herum. Außer dem Zyniker Scheidt bekommt keine Figur ausreichend Zeit, sich zu entwickeln.

Das alles wäre noch verschmerzbar, wäre da nicht Simone Thomalla, die sich feiern lässt. Da ist zum Beispiel diese Szene, in der Sofie Kosen der Ermittlerin Saalfeld ganz unvermittelt während einer Befragung ein Kompliment macht: „Sie sind toll.“ Thomalla legt den Kopf schief und lächelt – und sitzt da wie in einem Setting für ein Fotoshooting. Die dunkelbraunen Haare und ihr in Erdfarben gehaltenes Make-up passen perfekt zu der lila Wand im Hintergrund, ihre Bluse hat den gleichen Ockerton wie die Kekse auf dem Tisch. Und dann eben dieser Satz: „Sie sind toll.“ Theatermann Wuttke kann das leider nicht kompensieren. Man kann nur hoffen, dass er im letzten Fall aus Leipzig, der im April gesendet werden soll, wieder etwas mehr Raum bekommt – er hätte es verdient. Der „Tatort“-Zuschauer übrigens auch.

ARD Tatort, Sonntag 20.15 Uhr