Außer Atem

Ich ertrage die U2 nicht mehr

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Julia Friese leidet unter Entzugserscheinungen

Es ist der letzte Tag. Der Himmel über Berlin hängt voller elektrischer Wolken. Es ist eine merkwürdige Anspannung in mir. „What happend, Miss Julia?“, fragt mich der Boy vor dem „Hyatt Hotel“. Ich zucke mit den Schultern und sehe, wie ein Wust brauner Sackleinentaschen die Straße entlanggeweht wird. Meine Augen sind rot und so trocken wie Wüstenwind. „Everything will be fine“, versichere ich ihm, denn ich bin, und es klingt so abgedroschen, aber doch, ja, es ist wahr: eine starke Frau. So stark wie Ursula Karven. Denn das muss man sich mal vorstellen, die ist selbst noch mit einem Schnupfen zur Berlinale gekommen. Sie ist so tapfer. Der Boy öffnet mir die Tür, ich trage ein grünes Kleid, stolpere, verliere meinen Schuh, aber ich meistere die Panne – souverän. Ich lasse den Schuh zurück. Gestern war Valentinstag, ich habe noch Hoffnung. In der Tizian Lounge bestelle ich einen Kaffee für 36 Euro. Kalter Schweiß rinnt meinen Rücken entlang. Ich zittere.

Aber zehn Tage Film, mehrmals täglich, und das auf leeren Magen direkt nach dem Aufstehen – der Entzug ist nur natürlich. Ich beginne leicht zu fantasieren. In mir ist dieses starke Verlangen zu reisen. Nicht irgendwie – ich will reisen wie eine Frau. Ich will einen Beduinen lieben, ohne zu fordern. Ich will Dromedaren Vergil vorlesen. Mit einem Grammophon zum Nordpol reisen oder mit ein paar Goldfischen die raubkopierten Filme gucken, per Taxi durch den Iran fahren. Ich will das filmen. Und Zeitgeist. Dafür muss man sich öffnen. Vielleicht mache ich aus dem Material am Ende eine Serie? Im Fernsehen liegt die Zukunft des Films. Ganz sicher. Da kann man sich bald bestimmt auch einen Goldenen Bären mit verdienen. Und dann, endlich reich, berühmt, kaufe ich mir ein Auto. Ich ertrage die U2 nicht mehr. Wirklich. Wer kann das jetzt noch? Hallihallo, hier spricht Anastaccciiaa. Ist das nicht diese Studentin, die im Baumarkt arbeitet und sich von ihrem Chef mit Isolierband fesseln lässt? Ich weiß es nicht. Ich will es nicht. Ich will ein Auto.

Nicht irgendeines. Ich will einen Audi. Beim Fahren möchte ich Actimel und Viva-con-Agua trinken, ganz lässig, währenddessen sollen in meinem Handschuhfach die Ausgaben des „Hollywood Reporter“ hin- und herfliegen. Weil ich es mir wert bin. Und, dann nächstes Jahr möchte ich nicht nur schreiben. Das ist zu wenig Auslastung. Ich habe da jetzt eher so eine Lars-Eidinger-Haltung, alles gleichzeitig machen, gerade ich als Frau. Nächstes Jahr will ich zeitgleich noch ein Seminar anbieten. Im „Marriott-Hotel“. Titel: „Warum man nicht den Aufzug nehmen muss, wenn man nur in den ersten Stock fahren will.“ Ich werde es auf Englisch halten. Ich weiß, es ist unsympathisch zu belehren, aber dann mache ich das eben unter einem Pseudonym. Dora? Sybille? Oder, nein, ich werde hingehen und sagen „Je suis Annemarie Schwarzenbach. Une jeune allemande“, und dann jedem Teilnehmer ein Schälchen Käsespätzle mit Röstzwiebeln und Lauch schenken. Ja.

Mein Kaffee ist alle. Ich sehe in die leere Tasse und denke, in Norwegen läuft man kilometerweit ohne Hose. Auch dahin könnte ich reisen. Vielleicht zu Pferd, mit den großen Rittmeistern Herzog, Wenders, Malick, der wird eine Rüstung tragen, damit ihn niemand sieht, aber wir alle werden großen Spaß haben, die Peitsche schwingen und rufen: „Oh, Victoria!“ Sieg. Ich bin stolz und dankbar, dass ich dabei sein durfte.