Kunst

Der Vater vom Kollwitzplatz

Als Comiczeichner hat Olaf Schwarzbach den Prenzlauer Berg humorvoll im Blick. Dabei hatte er selbst es nicht immer leicht

Der Mann, der sich über die „Mütter vom Kollwitzplatz“ lustig macht, öffnet die Wohnungstür mit seiner Tochter auf dem Arm. Süß, noch keine zwei Jahre alt, ihre Augen sind ein bisschen glasig. Erkältung, sie muss heute zu Hause bleiben. Aha. Wir machen das Interview also zu dritt. Da schauen wir mal genauer hin. Olaf Schwarzbach, besser bekannt als Comiczeichner OL, ist immerhin Berlins Chefhumorist zum Thema überbesorgte Eltern in Prenzlauer Berg. Wäre ja eine Überraschung, wenn Schwarzbach in Wahrheit selber so ist wie die Eltern, die er zeichnet.

Seine Wohnung? Schon mal verdächtig. Holzdielen. Spielzeug auf dem Boden verteilt. Olaf Schwarzbach trägt Markenjeans und sieht fit aus. In seiner Autobiografie „Forelle grau“, die nun im Berlin Verlag erscheint, ist er ständig am Saufen. Bis heute malt er besonders schöne Trinkerwitze („Anonyme Alkoholiker? Ist mir viel zu unpersönlich.“) Aber er sieht so aus, als hätte er den Alkohol stets im Griff gehabt. Nicht umgekehrt. Halbmarathon würde man ihm problemlos zutrauen. Jetzt steht er am Herd, immer noch die Tochter auf dem Arm, und bereitet Latte Macchiato zu. Auch das noch: Latte Macchiato.

Comic zeichnen geht schneller

Immerhin, Schwarzbach redet so geradeaus, wie man erwartet hat. Nee, sei nervig gewesen, sein Leben zu Papier zu bringen. So viel schreiben, jeden Tag. Er zeigt seinen Arbeitsplatz am Fenster. Blick direkt auf die Gethsemanekirche und die vielen Fußgänger in der Stargarder Straße. „Wäre eine gute Wohnung für die Stasi gewesen“, sagt Schwarzbach. „Alles im Blick.“ Beim Schreiben seines Buches habe er sich manchmal dabei ertappt, wie er den Frauen auf der Straße hinterhergeschaut habe, aus Langeweile. Comics zeichnen gehe eben viel schneller. Zeichnen, texten, einscannen. Fertig. Nächster Comic.

Die Kleine hat Hunger. Schwarzbach stellt den Herd an. Es gibt Reis. Aha. Bio? „Klar kriegt mein Kind auch Bio-Essen“, sagt er. Aber diesmal? Aufgewärmter Reis mit Gemüse. Vorher ist er noch schnell in seinen Birckenstock-Hausschuhen runter zum asiatischen Laden in seinem Haus gegangen. Gemüse, sicher nicht Fair Trade, sicher nicht auf Rückstände kontrolliert. Das ist entspannt. Ein Bio-Vater ist OL schon mal nicht. Vielleicht wird es hier doch keinen Skandal geben.

Das Überraschende ist viel mehr, dass Schwarzbach so ein normaler und gesunder Typ geblieben ist. Ein Blick in seine lesenswerte Autobiografie (Berlin Verlag, 19,99 Euro): sehr früher Selbstmord der Mutter. Selbstmorde im Freundeskreis. Später eigene Selbstmordversuche. Unangepasst in der DDR. Bespitzelt von der Stasi. Mehrfach festgenommen. Nach einer Hausdurchsuchung kurz vorm Mauerfall dann Flucht zur Tante in den Westen. Erster Kontakt dort: Ein Bayer in Bierlaune, der ihm mit Spucke einen Hundertmarkschein auf die Stirn klebte.

Kommt daher sein Sarkasmus über die Mütter zum Kollwitzplatz? Über grauhaarige „Spätgebärende“, die ihren Kindern auf dem Spielplatz sagen: „Wenn dir ein fremder Mann Bonbons anbietet, pass auf, dass sie zuckerfrei sind.“ Macht er sich lustig über Leute, die es zu einfach hatten im Leben? Die echte Sorgen nicht kennen und sich stattdessen mit Schadstoffen im Holzspielzeug beschäftigen?

„Ein bisschen, klar“, sagt Schwarzbach. Aber die Bohème, die sich langweilt und ständig versucht ein gutes Gewissen zu haben, die sei überall lustig. Nicht nur in Prenzlauer Berg. Am Anfang, sagt Schwarzbach, habe er beim Zeichnen der „Mütter vom Kollwitzplatz“ an eine Frau gedacht, mit der er mal zusammen war. Die habe sich immer hinter den Meinungen anderer versteckt, aber Diskussionen nie richtig ausgetragen. „Es war eher eine persönliche Abrechnung“, sagt er und grinst. Der Kollwitzplatz bot den passenden Hintergrund. Obwohl er seine Hintergründe bald neu zeichnen müsse: Die Klettergerüste auf dem Spielplatz dort sind nicht mehr so abgedreht wie früher. Die Riesenkarotte etwa sei verschwunden. Stattdessen kommen schnöde Stahlgerüste dazu, wie sie überall stehen. Das klingt ein bisschen wie: OL muss sich bald was Neues einfallen lassen. Oder Prenzlauer Berg ist zu normal geworden. Schwarzbach selber ist es ja auch: führt ein ziemlich normales Leben mit Frau und Familie.

Etwas Persönliches sind seine Comics also vor allem, weniger eine allgemeine politische Aktion gegen Snobs und Gentrifizierung. Auch in seiner Autobiografie vermeidet Schwarzbach die großen Kategorien. Auch sie ist eine persönliche Geschichte ohne große Überhöhungen als Opfergeschichte oder als explizite Anklage gegen die DDR. Er schildert diesen Staat als gewöhnliche Umgebung. Beschreibt, wie er als Junge stundenlang Fernsehen schaute, wenn er alleine zu Hause war, und dabei Instantbrühe mit Ei löffelt. Schwarzbach erzählt von seiner Zeit in einem besetzten Haus in Prenzlauer Berg, ganz in der Nähe seiner heutigen Wohnung. Einen Sommer lang trug er dieselbe Lederhose, trank mit anderen Lebenskünstlern Grapefruitsaft mit kubanischem Rum. Auch das: nicht viel anderes als das Leben der Hausbesetzer auf der anderen Seite der Mauer in Kreuzberg.

Forelle war sein Deckname

„Ich wollte gar nicht in den Westen“, sagt Schwarzbach. „Weil ich gar nicht gewusst hätte, wovon ich dort leben soll.“ Die DDR sei eben auch ein Ort gewesen, wo ein Leben mit Kunst und wenig Arbeit möglich war. Aber wohl nur für sehr starke Leute. Schwarzbach hat die Drangsalierungen weggesteckt. Wahrscheinlich, weil er ein Talent dafür hat, nicht grundsätzlich beleidigt zu sein. Später dann, als er seine Stasi-Akte durchblätterte, seinen Decknamen „Forelle“ entdeckte, habe er schon Wut bekommen. Er fand darin ein Anforderungsprofil für den perfekten Beschatter für seine Person. Die Beschreibung passte erschreckend gut. Nur: bis heute weiß Schwarzbach nicht, wer ihn damals beschattet hat. Er zuckt mit den Achseln. „Ich muss es auch nicht wissen, mir ist ja nicht viel passiert.“