Auszeichnung

Ein Gewinner steht schon fest

Der Leserpreis der Berliner Morgenpost geht an den Berlin-Film „Victoria“

Die Bären werden erst heute Abend verliehen. Ein Preis steht aber schon fest: Der Leserpreis der „Berliner Morgenpost“ geht an „Victoria“. Klar, ist ein Berlin-Film, mag man denken, Heimvorteil. Aber darum geht es nicht: Die zwölf Geschworenen der Leserjury sehen sich, wie die „große“ Internationale Jury um Darren Aronofsky, alle Filme im Wettbewerb an, um am Ende über den Publikumsfavoriten zu entscheiden. Dabei waren auch der iranische Beitrag „Taxi“ und „Ixcanul“ aus Guatemala weit vorn.

Am Ende konnte Sebastian Schippers „Victoria“ aber am meisten überzeugen. Ist der Film doch ein großes Experiment – und eins der größten Wagnisse im diesjährigen Programm. Ganze 140 Minuten dauert der Film; gedreht wurde er aber in einer einzigen Einstellung, dem legendären „One Cut“. Ohne jeden Schnitt. Eine immense Herausforderung. Zumal der Film nicht an einem einzigen Ort spielt, sondern auf der Straße und quer durch Kreuzberg an insgesamt 22 Originalschauplätzen.

Eine logistische Meisterleistung. Für den Regisseur, der all das koordinieren musste (und dann während des Drehs nicht mehr einschreiten, nicht mehr unterbrechen konnte). Für den Kameramann, der immer ganz dicht an den Schauspielern dran bleiben musste. Vor allem aber für die Darsteller, die nur wenige Seiten Script hatten, alles improvisierten und alles geben mussten: Sie quatschen viel am Anfang, auch viel belangloses Zeug, sie haben später aber sehr intime Momente mit Heulkrämpfen, Ausrastern und Zusammenbrüchen, sie werden schließlich zu einem Banküberfall gezwungen und am Ende von einem Massenaufgebot an Polizisten gejagt. Es ist unglaublich, was vor allem Frederick Lau und Laia Costa in den Hauptrollen leisten. An drei verschiedenen Nächten wurde das komplett durchgedreht, die letzte Fassung war dann die, die ins Kino kam.

Schon im vergangenen Jahr hat sich die damalige Leserjury mit „Boyhood“ für das große Berlinale-Experiment entschiedent: jener Film von Richard Linklater, der über einen Zeitraum von zwölf Jahren, immer wieder mit denselben Darstellern gedreht, die Geschichte einer Kindheit erzählt hat. „Boyhood“ ist nun auch ein großer Oscar-Favorit. Auch die Auszeichnung für „Victoria“ zeigt, dass das Experiment beim Publikum ankommen wird. Der Preis – ein transparenter Filmstreifen, entworfen von dem Berliner Grafikdesigner Gunnar Freise – wird am heutigen Sonnabend, gemeinsam mit anderen Unabhängigen Preisen, um 12 Uhr im Hotel Hyatt verliehen.