Kinder- und Jugendfilm

Ein Zombiefisch im Zoo Palast

Bei den Kleinen: Unser Autor setzt sich in der Sektion Generation in Kinos voller Kinder

Die Kinder- und Jugendfilmprogramme auf der Berlinale werden von den Großen oft übersehen. Manchen gelten sie aber als cineastischer Geheimtipp: Hier konnte man beispielsweise die Karriere der polnischen Regisseurin Dorota Kedzierzawska oder ihrer schweizerischen Kollegin Ursula Meier verfolgen. Aber vor allem ist die Atmosphäre bei der „Genera-tion“ durchweg fröhlich und bei aller Aufregung angenehm entspannt. Im Zentrum stehen die Filme und der Kinobesuch als kollektives Erlebnis.

Eine ganz eigene Dynamik entfaltet sich in den Frühvorstellungen ab 9.30 Uhr. Sie werden weniger von Familien, sondern fast ausschließlich von Schulklassen besucht. So stürmen an diesem Morgen knapp 300 Kinder das Filmtheater am Friedrichshain. Für sie ist das Kurzfilmprogramm 2, empfohlen ab neun Jahren, eine Abwechslung zum Lehrplan. Das fängt bei der Sitzwahl an. Eine Jungsclique macht es sich in der dritten Reihe gemütlich. „Das sind die besten Plätze,“ jubeln sie. Doch ihr Lehrer schickt sie nach hinten, „zu den Mädchen“. Sofort rücken junge Damen nach. Eine zuckt zusammen: „Oh, das ist ja krass weit vorn!“ Ihre Nachbarin kontert: „Aber vorn ist da, wo die Stars sind!“ Doch sie erntet wenig Begeisterung: „Stars sind voll ätzend.“ Wer hätte das gedacht?

Als der Moderator verrät, dass der erste Film „Catalina und die Sonne“ aus Argentinien kommt, ruft ein junger Fußballfan: „Yo, Messi!“ Er ist aber auch bei der Sache, als nicht der Superstar des FC Barcelona, sondern ein Mädchen auf der Leinwand erscheint. Catalina rennt durch eine Salzwüste und versucht, den Mond einzufangen. Es wird viel geredet im Saal, aber es geht immer um den Film. In den Applaus fragt ein Junge seinen Lehrer: „Was war jetzt der Sinn? Hab ich nicht verstanden.“ „Ist eben kein Actionfilm“, witzelt der Pädagoge, schiebt dann aber hinterher, dass es wohl darum ging, „wie wichtig es ist, Geschichten zu erzählen“.

Die Frage nach Sinn und Unsinn beschäftigt auch die „Kinder ab 4 Jahren“, die den iranischen Trickfilm „Der gebratene Fisch“ im Zoo Palast sehen. Dort soll im Anschluss Regisseurin Leila Khalilzadeh auf der Bühne einer kleinen Zuschauerin erklären, warum ihr Fisch denn noch leben und bitten kann, zurück ins Meer getragen zu werden, obwohl er von Hund, Katze und Maus bis auf die Gräten abgeknabbert wird. „Es ist wie in einem Traum, da passieren auch seltsame Dinge“, erklärt Khalilzadeh und spricht von der „Seele des Fisches“, die dahin zurückkehren wolle, wo sie herkam. Während Festivalleiterin Maryanne Redpath den Satz versonnen wiederholt, tummelt sich ein Dutzend Kinder vor der Bühne. Ihren Lehrern entwischt, haben sie längst aufgehört, die Menschen auf der Bühne zu fotografieren, sie knipsen sich gegenseitig, mit großem Vergnügen. Das Brechen von Konventionen prägt nicht nur das vielfältige Programm von „Generation“, es ist vor allem das Recht seines jungen unbekümmerten Publikums.