Außer Atem

Nachts, draußen, Potsdamer Platz

Felix Müller über die große Kunst, ein gutes Ende zu finden

Heute gehe ich nicht ins Kino. Ich habe mir schon seit Langem vorgenommen, endlich einmal wieder nicht ins Kino zu gehen. Wie das wohl wird? Ich bin ganz aufgeregt. Jedenfalls ist das hier meine letzte Kolumne von der Berlinale. Ich brauche eine gute Szene für ihren Schluss. In meinem Kopf streiten sich ein Regisseur und sein Produzent.

Regisseur: „Wie findest du das: nachts, draußen. Die Kamera fährt suchend über den Potsdamer Platz. Der Berlinale Palast, Arbeiter rollen den Roten Teppich ein, ein paar Filmleute stehen herum und reden. Dann Close-up aufs Gesicht des Kolumnisten. Er zieht sich den Schal zurecht, es ist kalt. Dann entfernt sich die Kamera langsam nach oben. Wir machen das mit einem Kran und mit einer Helikopter-Cam. Der Kolumnist wird immer kleiner, am Ende ist er nur noch ein winziger Punkt. Dann verschwindet auch der. Wir sehen das Lichtermeer des Potsdamer Platzes und am Ende die Lichter von Berlin. Schwarzblende, Schluss.“ – Produzent: „Helikopter-Cam? Spinnst du? Hast du eine Ahnung, was das kostet? Ich hab schon genug Spesen für den Typen ausgelegt. Allein was der an den Foodtrucks alles in sich reingedrückt hat. Kommt überhaupt nicht infrage.“

Regisseur: „Na gut. Dann machen wir es so ähnlich wie in Ang Lees ‚Der Eissturm‘. Der letzte Film ist vorbei. Der Kolumnist steckt seinen Berlinale-Pass ein, geht aus dem Kino und fährt mit dem Bus nach Hause. Durch die Fenster des Busses sieht man langsam die Lichter der Kinos in der Nacht versinken. Ein bisschen melancholisch verlorene Musik dazu, aber was Unbekanntes, kein Mainstream. Zu Hause angekommen, sieht er in die erwartungsfrohen Gesichter seiner Familie. Er beginnt zu weinen. Ende.“ – Produzent: „Oh Gott. Was ist das denn für ein depressiver Quatsch? Da springt mir ja die Hälfte der Zuschauer ab. Sieh endlich ein, dass wir hier keine Arthouse-Kolumne machen. Wir wollen Publikum!“

Regisseur: „Dann vielleicht so wie in ‚Pretty Woman‘? Der Kolumnist steht verloren vor dem Cinemaxx, die Filmfestspiele sind vorbei. Sonst ist niemand zu sehen. Dazu spielen wir ganz dreist ‚It Must Have Been Love‘ von Roxette ein. Du weißt schon, große Vorbilder zitieren, Tarantino macht das auch immer so! Dann taucht Co-Kolumnistin Julia Friese in einer Stretchlimousine auf. Sie hat eine Blume in der Hand, der Kolumnist beginnt zu lächeln …“ – Produzent: „Was, du willst das einfach 1:1 nachdrehen? Was kommt als Nächstes? Warum nicht gleich ‚Ben Hur‘ auf diese Art ‚zitieren‘? Der Kolumnist ist ein Gladiator und der Verkehr auf der Leipziger Straße ein einziges Wagenrennen?“ – „Meinst du das ernst?“ – „Natürlich nicht! Meine Güte, du bist doch kein Anfänger. Du musst doch wissen, wie man so was zu Ende bringt. Ein bisschen mehr Spannung! Dramatik! Die Zuschauer müssen vom Ende der Kolumne in den Lesesessel gedrückt werden. Sie müssen denken: Ich werde mein Leben ändern. Sie müssen im Sessel sitzen bleiben, bis morgens der Hahn kräht. Und danach wollen sie über gar nichts anderes mehr reden. Nie mehr! So ein Ende will ich von dir haben.“

Regisseur: „Okay, pass auf. Jetzt! Wir machen ganz großes Kino. Ein Showdown in Schwarz-Weiß. Potsdamer Platz, zwölf Uhr mittags. Von irgendwoher wehen die Klänge einer Mundharmonika. Wir blicken dem Kolumnisten erst ins Gesicht, dann über die Schulter. Am Ende der Straße erkennt man klein seine Co-Kolumnistin Julia Friese. Der Wind pfeift eisig. Ein loser Busch rollt durchs Bild. An der Seite sehen wir einen Straßenkehrer. Halt dich fest: Da machen wir einen Cameo-Auftritt von Berlinale-Chef Dieter Kosslick! Gegenschuss auf Julia Friese. Gesicht, Schulterblick. Dann, ganz schnell geschnitten: Beide greifen in ihre Taschen. Aber sie zücken keine Colts, sondern Kinokarten für die Abschlussgala. Kosslick zwinkert in die Kamera. Berlinale-Logo, Ende!“

Der Produzent seufzt. „Sorry, aber was ist eigentlich los mit dir? Berlinale-Logo? Soll das jetzt Werbung für Kosslick und die Filmfestspiele werden? Übrigens solltest du schnell machen mit einer guten Idee. Du hast nur noch zehn Zeilen Platz dafür! Pass auf, dass du die Kolumne nicht mitten im Satz abbrechen musst, vielleicht sogar mitten im Wort! Dann wollen die Leser ihr Geld zurück, wir werden mit Klagen überzogen, überleg dir das genau, das kann unglaublich teuer werden!“

Der Regisseur denkt sehr lange nach. Dann atmet er auf. Er blickt dem Produzenten fest in die Augen. Er sagt: „Das ist es. Total brillant! Du wirst es lie