Märchenverfilmung

Cinderella und die Zicken

Regisseur Kenneth Branagh bewahrt das Pathos des Märchens, fügt aber Komik hinzu

„Alles war so, wie es sein sollte“, sagt die Erzählerstimme über das Familienglück. Ella (Lily James) ist ein aufgewecktes Mädchen, das auf dem Land zusammen mit ihren Eltern in einem schlossartigen Gebäude lebt. Sie tanzt durchs Haus, unterhält sich mit den Tieren, vier Mäuse sind ihre Gesprächspartner. Es gibt ein wenig Zauber auf der Welt, man muss nur daran glauben, sagt die Mutter. Ehrlich und mutig solle ihre Tochter sein.

Unglückliche Frauenwahl

Was bekanntlich nicht immer einfach ist. Oder wie es im Film heißt: „Kummer kommt in jedes Königreich.“ Eine milde Umschreibung für das, was Ella in den kommenden Jahren widerfährt. Erst stirbt ihre Mutter, dann trifft der Vater eine ausgesprochen unglückliche Frauenwahl. Er heiratet die Witwe Lady Tremaine (Cate Blanchett), die sehr schön und sehr böse ist. Ihre beiden Töchter Drizella (Sophie McShera) und Anastasia (Holliday Grainger) sind nicht so nett anzusehen, aber in ihrer Boshaftigkeit doch ganz die Mutter. „200 Jahre ist das Haus alt? Warum wurde es seitdem nicht renoviert?“, sagen sie beim Einzug.

Der Zickenalarm steigert sich, als der Vater auf einer seiner Reisen stirbt. Während Ella das Herz bricht, als sie die Todesnachricht hört, vermissen die Stiefschwestern lediglich ihre versprochenen Geschenke, und Lady Tremaine ist vor allem bestürzt, weil der Ernährer verlustig gegangen ist. Sie macht das, was jeder moderne Unternehmer in dieser Situation macht: Sie entlässt das Personal (Köche, Dienstmagd) und verteilt die Arbeit auf die übrig gebliebenen Kräfte. In diesem Fall: Ella schrubbt den ganzen Tag, muss auf den kargen Dachboden ziehen, bereitet das Frühstück vor, darf aber nicht mit am Tisch essen. Als sie mit Ruß im Gesicht erscheint, hat sie ihren Spitznamen weg. Aus Ella wird Cinderella.

Kenneth Branagh hat vor allem Shakespeare in den vergangenen zwei Dekaden verfilmt. Eine Verfilmung von Cinderella mag in diesem Kanon eine ungewöhnliche Wahl sein, für den Zuschauer war es eine glückliche. Er hat das Märchen leicht entstaubt, ohne ihm Pathos und Kitsch zu nehmen. Die Geigen könnten nicht geigiger klingen, die rosa Kleider nicht rosaner sein. Aber bei Kenneth Branagh ist Cinderella kein zartes Opfer, sondern eine zwar träumerische (anders als über Verdrängung ist die Ausbeutung kaum zu ertragen), aber auch selbstbewusste und wehrhafte Frau. Der Prinz (Richard Madden), den sie beim Ausritt kennenlernt, hat Charme, die beiden flirten und umkurven einer der Grundprobleme jüngerer Disney-Filme, bei denen man sich beim Rausgehen fragte: Gut, die Liebenden hatten ihr Happy-End, aber haben sie sich danach auch irgendetwas zu sagen?

Umwerfend böse

Kenneth Branagh verzichtet auf die Ironie anderer Disney-Filme („Rapunzel – neu verfönt“, „Die Eiskönigin – völlig unverfroren“). Auch die moralischen Ambiguitäten dieser Verfilmungen macht er nicht mit, die klare Unterteilung zwischen Gut und Böse bleibt in „Cinderella“ bestehen. Er nimmt das Märchen als Genre also ernst, fügt aber Komik hinzu. Als Cinderella in der verzauberten Kutsche sitzt – die Fee hat die Mäuse in Pferde verwandelt, die Gans in den Kutscher, die Eidechsen in Diener – und auf dem Weg zum großen Fest ist, wird ihr bang ums Herz. Sie sei doch nur „ein einfaches Mädchen vom Land und keine Prinzessin“, klagt sie, und das Reptil antwortet, was soll es denn dazu sagen, es sei ja schließlich eine Eidechse und kein Lakai.

Sehenswert ist der Film aber auch, weil Cate Blanchett einfach umwerfend böse ist. Sie quält Cinderella variantenreich: Sie macht sich lustig über sie, wirft ihr eisige Blicke zu, und wenn Cinderella Widerworte gibt, faltetet sie sie in derartig kleine Stücke zusammen, als ob Cate Blanchett tatsächlich ein ganz persönliches Problem mit Cinderella hätte, das sich schon längere Zeit aufgestaut hatte. In einem Moment der Selbsterkenntnis sagt Lady Tremaine zu ihr, dass sie einst einen Mann aus Liebe heiratete und nach seinem Tod einen Mann heiratete, um versorgt zu sein. Übrig geblieben seien ihre beiden „dummen Töchter“, und sie werde die Böse bis zum Ende ihre Tage sein. Am Ende verzeiht – und explizit passiert das weder bei dem „Aschenputtel“ der Gebrüder Grimm noch in der weniger blutrünstigen Version von Charles Perrault – ihr Cinderella. Lady Tremaine verlässt das Königreich, heißt es am Ende. Man würde zu gern wissen, was aus ihr geworden ist. Kenneth Branagh sollte es uns erzählen.

Termine Friedrichstadt-Palast, 14.2., 12 Uhr; Berlinale Palast, 15.2., 15.30 Uhr