Konzert

Nachrichten aus einer anderen Welt

Jamie T meldet sich nach fünf Jahren Pause im Postbahnhof zurück. Und alle singen mit

Ich habe die Zukunft des Rock’n’Roll gesehen, und ihr Name ist Jamie T. Das ist heute vielleicht keine so überraschende Meldung mehr wie 2007, als der damals gerade 29-jährige Brite aus dem Nichts aufpoppte. Aber es ist nach wie vor wahr. Zukunft heißt in diesem Fall, sich so souverän aus dem Kanon des Pop bedienen zu können, ohne bloß sentimentale Retro-Musik zu produzieren. Aus scheinbar widersprüchlichsten Stilen, Schnipseln und Versatzstücken erfindet Jamie T vielmehr einen ganz eigenen Sound. Der klingt, als wären Elvis, Eminem und die Ramones in seinen dünnen Körper gefahren und feierten darin eine Party.

Nach fünfjähriger Pause ist Jamie T nun zurück mit einer vergleichsweise ruhigen Platte, „Carry on the Grudge“ – nachdenklicher als die genialen Pop-Pöbeleien seiner beiden Vorgänger. Im Konzert kreuzt er jedoch neue Songs mit all den Ohrwürmern, die der Junge offenbar im Schlaf schreiben kann. Andere Leute würden Dutzende Karrieren damit füllen. Allein für das neue Album soll Jamie 180 Songs komponiert haben. Mal sehen, ob die 168 unveröffentlichten noch irgendwann auf dem Schwarzmarkt auftauchen.

Mehr Punk nach der Pause

Wer nun glaubte, aus dem Londoner Vorort-Helden wäre nun ein gediegener Songwriter geworden, wird an diesem ausverkauften Abend enttäuscht – zum Glück. Schon die ersten Gitarrenakkorde machen klar: Hier geht’s nicht zahmer zu als früher. Im Gegenteil: Jamie T und Band spielen konzentrierter denn je, und das führt erstaunlicherweise zu mehr Punk. Die Phalanx junger Mädchen vor der Bühne ist schon ab dem zweiten Song kaum mehr zu halten. Ein paar Jungs wischen noch im Takt auf ihren iPhones rum, dann sind auch sie voll bei der Sache. Alles stürmt nach vorn, zum Pogo. „Operation“ setzt ein, dieser Mitgröhler für sehr späte Stunden an der Bar: „Two lost boys in the lost town / Two lost girls in the lost and found / I’ll find you out when you hit the ground / Don’t stop moving girly, dance around“. Und das tun sie, die verlorenen Jungs und Mädels von Berlin.

Jamie T hat derweil seine Lederjacke auf den Boden geworfen. Sein weißes Hemd, weit offen, klebt ihm am Körper. Er hängt über der Gitarre – mal schmust er mit ihr, mal schubst er sie vor sich her. Beim Rappen klebt er am Mikro wie ein Nachrichtensprecher aus einer anderen Welt. Er spritzt Wasser ins Publikum, gestikuliert, lacht. Seine Drummerin spielt mächtige Beats. Der tätowierte Gitarrist mit der Hipstermütze drischt sein Instrument, als hätte es was verbrochen. Beim Dschungel-Ska von „Salvador“ tanzen dann so ziemlich alle. Und alle singen mit.

Ein schwitzender Kessel

Selbst „Zombie“, der für Jamies Verhältnisse fast etwas eindimensionale Hit des neuen Albums, hat einen so schmissigen Refrain, dass man einfach nur neidisch werden muss auf so viel Talent. Atempause: Jamie T setzt sich kurz auf einen Stuhl, schiebt eine Ballade zwischen. „The Prophet“ denkt nach über Sinn und Unsinn des Showbiz und erklärt vielleicht die fünfjährige Pause: „She asked me: Is it painless / am I humouring the brainless / Being young and drunk and all fucked up / and being in entertainment“. Spätestens beim anschließenden „Sticks ’n’ Stones“ jedoch ist der Saal ein einziger schwitzender, glücklicher Kessel.