Literatur

„Kann ich nicht Ihnen gefällig sein?“

Filmdiva Marlene Dietrich unterstützte den jüdischen Schriftsteller Alfred Polgar im Exil. Er dankte es ihr mit einer Biografie

Von der „Lachbereitschaft ihrer kurzen Oberlippe“ bis zur Gewichtsklasse („unerbittlichen amerikanischen Feststellungen zufolge 61 Kilo“) – er lässt nichts aus: „Es ist unrichtig, dass Marlene, um abzunehmen, sich nicht nur das Essen, sondern auch den Schlaf versagt. Sie schläft. Viel und gern. Unter den Kopfkissen, die sie benützt, befindet sich ein gutes Gewissen.“

So nah am People-Journalismus kannten wir Alfred Polgar bislang noch nicht. Dennoch wird das kleine, aus dem Nachlass edierte Buch weder unser Bild von Marlene Dietrich noch unseren Respekt vor Alfred Polgar ins Wanken bringen. „Marlene. Bild einer berühmten Zeitgenossin“ ist ein Leseereignis wegen der Art und Weise, wie es als Buch überhaupt zustande kam.

Geriet in finanzielle Nöte

Polgar, der Meister der kleinen Form, bekannter Theaterkritiker der Zeitschriften „Weltbühne“ und „Tage-Buch“, geriet als Jude nach der Machtergreifung der Nazis in große finanzielle und mentale Nöte. Im März 1933 war er aus Berlin über Prag in seine alte Heimat Wien geflüchtet. Dort harrte er, von sämtlichen reichsdeutschen Erwerbsquellen abgeschnitten, bis zum Anschluss Österreichs am 11. März 1938 aus. Sein Schicksal ist typisch für das vieler journalistischer Exilanten, die von reinen Gelegenheitsarbeiten für die Basler „National-Zeitung“ oder das „Prager Tagblatt“ nicht mehr leben konnten und darüber depressiv wurden.

„Sie wissen’s nicht, können’s nicht wissen, wie kotzübel mir als Bettel-Literat zu Mute ist“, schrieb Polgar 1934 an seinen Freund Carl Seelig nach Zürich. Der Schweizer Mäzen, der als Förderer und Vormund des Schriftstellers Robert Walser Literaturgeschichte geschrieben hat, kümmerte sich – auch um Alfred Polgar. Am 3. August 1934 schickte Seelig ein Telegramm nach Beverly Hills. „Erbitte herzlichst Hilfe für Polgar“. Empfängerin war keine Geringere als Marlene Dietrich, die fortan regelmäßig Transferzahlungen für den mittellosen Feuilletonisten tätigte. Die beiden waren gut bekannt, befreundet wäre zu viel gesagt, aber Polgar gehörte wie die Dietrich zu einer ganzen Clique von Schriftstellern, Schauspielern und Künstlern, die sich um 1930 bevorzugt in bestimmten Hotelbars am Berliner Kurfürstendamm tummelte.

Ein stolzer Feuilletonist, der eben noch einer der mächtigsten Theaterkritiker des deutschsprachigen Raums und jetzt zum Almosenempfänger degradiert war, und ein deutscher Weltstar, der seit der epochemachenden Rolle in „Der blaue Engel“ zur bestbezahlten Schauspielerin ihrer Zeit aufgestiegen war. Mit dieser diametral konträren Karrierekonstellation sind wir mitten in der Geschichte der bis dato unbekannten Marlene-Biografie, die Ulrich Weinzierl jetzt aus dessen Nachlass veröffentlicht.

Die Entdeckung von „Marlene. Bild einer berühmten Zeitgenossin“ datiert schon auf 1984. Marlene Dietrich lebte noch bis 1992, völlig zurückgezogen, und die Umstände des von Polgar angefertigten Porträts waren denkbar unklar. Tatsächlich konnte erst nach ihrem Tod und der Einrichtung der Marlene Dietrich Collection (1998) sowie der Recherche in anderen Sammlungen, Polgars Exilzeit betreffend, Genaueres rekonstruiert werden.

Demnach schrieb Polgar 1936 folgenden Brief an die Dietrich: „Liebste, beste M. D.: Sie beschämen mich durch Ihre Güte und Noblesse! Und ich bin zu schwach, als dass ich die Kraft aufbrächte, eine Hilfe abzulehnen, die anzunehmen mir so leicht gemacht wird. … Ich kann vorderhand nur danken für alles Liebe, das Sie mir erweisen, für die rührende Zartheit, in der Sie es tun, vor allem auch für die Erfüllung meiner Bitte, keine Dritten in unser Geheimnis einzubeziehen.“ Und dann der entscheidende Satz: „Kann ich nicht, in irgendwelcher Form, Ihnen gefällig sein? Als Schriftsteller etwas für sie leisten? Jede solche Arbeit, auch unhonoriert, wäre mir eine Herzensfreude.“ Aus diesem Satz, den man als Kapitulation, aber auch tiefe Dankbarkeit eines einstmals stolzen Feuilletonisten lesen kann, entstand im Laufe des Jahres 1937 tatsächlich ein Buchprojekt, für das Marlene im Herbst einen Vertrag mit dem Wiener Frick-Verlag unterzeichnete. Er sah einen Vorschuss (von heute umgerechnet 10.000 Euro) für Polgar vor, während Frau Dietrich sich gegenüber dem Verlag verpflichtete, „während dreier Jahre … niemandem außer Ihnen die Berechtigung zu erteilen, ein Buch über mich in deutscher Sprache herauszugeben“.

Polgars Arbeit an der Gefälligkeitsbiografie konnte beginnen. Allein: „der Gedanke, in heutiger Zeit als Psalmodist einer Film-Diva 150 Seiten von mir zu geben“, hatte für ihn „etwas kaum Erträgliches“. Polgar war sich allerdings auch im Klaren, dass es mit „litterär-moralischem Luxus“ vorbei war.

Für sein Marlene-Porträt musste er sich quälen. Pointiert geraten sind im Wesentlichen drei Abschnitte. Erstens der Anfang, in dem sich Polgar an einen Auftritt Marlenes als Revue-Girl in Wien im Jahr 1927 erinnert, wo er sie wohl zum ersten Mal sah („Die Zweite von links“) und dem Leser zu verstehen gibt, das er diese Frau schon bemerkenswert fand, bevor sie alle Welt kannte. Zweitens der aparte Abschnitt, der einem erklärt, was Sex Appeal ist. Und drittens das Ende, wo Polgar seine Interviewsituation wiedergibt. Diese Passage gehört zu den wenigen Stellen von Polgars Marlene-Porträt, die man atemlos liest, ja fast verschlingt.

Das Scheitern des Projekts

Polgars Buch aus dem Nachlass erzählt nicht nur eine Biografie. In Wahrheit erzählt es uns von einer verhinderten Publikationsgeschichte. Zunächst hatten die Dietrich und ihre Entourage es immer wieder verschleppt, Polgar grünes Licht zu geben. Dann, als alles autorisiert und frisiert war, war alles zu spät. Das Buch konnte 1938 in Wien nicht mehr erscheinen, eine englische Variante im Übersee-Exil wurde nie wirklich verfolgt. Mit dem Scheitern des Buchprojekts brach der Kontakt zu Marlene Dietrich ab. Er starb 1955 in Zürich, sie 1992 in Paris.

Alfred Polgar: Marlene. Bild einer berühmten Zeitgenossin. Zsolnay, Wien. 160 S., 17,90 Euro