Klassik-Kritik

Wenn der junge auf den alten Szymanowski trifft

Ingo Metzmacher dirigiert das Deutsche Symphonie-Orchester

Ingo Metzmacher hat in der Philharmonie ein exzellentes Programm aus polnischen Werken zusammengestellt, das kaum anders als genau in dieser Reihenfolge erklingen könnte. Von Karol Szymanowski, dem Ahnherrn der polnischen Musik-Avantgarde, gibt es zunächst ein Frühwerk, eine Konzertouvertüre in E-Dur. Die Anklänge an Richard Strauss’ stürmische Tondichtungen „Don Juan“ und „Till Eulenspiegel“ hört man gleich, auch mit halbem Ohr. Mit ganzem klingt es interessanter. Der junge Szymanowski, so wird schnell deutlich, verkauft sich unter Wert, wenn er sich im Material so eng an der musikalischen Moderne deutscher Prägung orientiert. Denn Szymanowskis eigene Orchesterbehandlung, das schält das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin blendend heraus, ist transparenter, von vornherein vielstimmiger gedacht.

Nach dieser Einleitung wechselt Metzmacher die Epoche, und doch ist die Identität dieses Konzerts mit der Kombination aus einem frühen Szymanowski und einem über 80 Jahre älteren Spätwerk von dessen Landsmann Witold Lutoslawski bestens gefestigt. Lutoslawskis Vierte Sinfonie ist, trotz des sehr jungen Uraufführungsdatums von 1993, eine Musik von selbstbewusster Altmodischkeit. Das geradlinige, leichtfüßige musikalische Erzählen über lange Zeitstrecken, die Herstellung plastischer Themen auch jenseits der traditionellen Harmonik, dies verbindet die beiden Komponisten.

Metzmacher stellt heraus, dass diese knappe Sinfonie, die so flächig und flauschig klingt, so zeitentrückt scheint, doch einem sehr strengen Puls folgt. Dabei ist auch hier alles überwölbt von einem Sinn fürs Erklingende – am Ende spielt eine in verbogenen Phrasen klagende Violine über dem sphärischen Hall der Röhrenglocken. Ein magischer Moment und einer, für dessen Ausgrabung man Metzmacher dankbar sein muss.

Lutoslawskis rund vierzig Jahre frühere „Trauermusik“ für Streichorchester hat nicht diesen magischen, schlafwandlerisch hergestellten Klangzauber, sondern ist im Klangbild von strenger Linearität. Welche Disziplin hinter dieser Komposition steckt, mag man beim Spiel der DSO-Streicher fast vergessen. Namentlich der Solo-Cellist Mischa Meyer verzichtet, wenn er diese Musik alleine aushauchen lässt, auf jede musikdarstellerische Attitüde. Über dem ganzen Abend liegt eine angenehme Sachlichkeit, ein Zeigen-Wollen dieser in Deutschland fast unbekannten Musik.

Das passt zum „Stabat mater“ eines reifer gewordenen Szymanowski, der als bekennender Atheist Orientierung an der Lithurgie sucht, um eine unerhörte Musik zu schreiben. Der Rundfunkchor Berlin bringt die ungewöhnlichen Harmonien, die hervorragenden polnischen Solisten Aleksandra Kurzak, Ewa Wolak und Tomasz Konieczny bringen den heiligen Text in freier Tonalität klanglich transparent ausbalanciert vor ein staunendes Publikum.