"Roadmovie" aus Teheran

Beobachtungen eines Eingesperrten

Trotz Berufsverbots hat Jafar Panahi im Iran heimlich einen Film gedreht: „Taxi“

Der Blick aus einer Windschutzscheibe auf eine Straßenkreuzung in Teheran. Draußen tobt das Leben, innen herrscht Stille. Das Auto setzt sich in Bewegung, fährt vorbei an Frauen mit Kopftüchern, ein Mann im kurzärmeligen Hemd winkt es heran, steigt ein ins Taxi. Kurz darauf kommt eine Frau dazu, setzt sich auf die Rückbank. Ein bisschen Smalltalk. Erst dann dreht sich die Kamera, oder besser: der Mitfahrer dreht sie. Und damit den Fokus nicht nur auf die Protagonisten, sondern auch darauf, dass hier festgehalten wird, was passiert.

Es entspinnt sich eine Diskussion über die Auslegung der Scharia und den Sinn von Hinrichtungen. Wenig später dreht sich der Blickwinkel noch weiter und der bislang unsichtbare Fahrer kommt ins Bild. Am Steuer: Jafar Panahi, der iranische Filmemacher.

Seit Ende 2010 ist Panahi mit einem zwanzigjährigen Berufsverbot belegt, wegen „Propaganda gegen das System“. Das islamistische Regime geht hart gegen Dissidenten vor. Panahi darf keinen Film drehen, kein Drehbuch schreiben, das Land nicht verlassen und keine Interviews geben. Filme drehen tut er trotzdem, ohne Genehmigung und schafft es über unbekannte Wege, sie außer Landes zu schmuggeln. Zuletzt lief „Pardé“ im Wettbewerb der Berlinale, gedreht in einem abgelegenen Haus am Meer.

Und nun kehrt er mit „Taxi“ zurück, nicht nur zur Berlinale, sondern auch in die iranische Hauptstadt. Das Berufsverbot besteht weiterhin, deswegen fehlt hier auch der Abspann, keiner der Beteiligten außer Panahi wird namentlich genannt. Eine schwer erträgliche Situation, der Panahi im Film mit bewundernswerter Sanftmut und lächelnder Gelassenheit begegnet. Er fährt durch die Stadt, Leute steigen ein und aus, fast parabelhafte Begegnungen mit ganz unterschiedlichen Biografien und Lebensentwürfen. Der geschäftstüchtige Dealer etwa mit den raubkopierten DVDs, der sein Tun als kulturelle Tätigkeit verklärt – was in einem Regime wie Iran gar nicht so falsch ist. Irgendwann holt Panahi seine Nichte ab, ein aufgewecktes kleines Mädchen, das als Schulaufgabe einen Film drehen soll und an den nicht nur für sie widersprüchlichen Regeln zweifelt. Wie soll sie die reale Welt abbilden, wenn jede Kritik als „Schwarzmalerei“ verboten ist?

Ganz sanft gleitet der Film so von den anfangs eher leise komischen Begegnungen mit subtilen Anspielungen (der Klingelton des Handys ist die Titelmelodie aus dem Freiheitsdrama „Papillon“) zur immer offeneren Auseinandersetzung über die Einschränkungen von Zensur und Selbstzensur. Das Bild des Taxifahrers ist hier aufgeladen, wie unter Arrest scheint er in diesem Fahrzeug zum rasenden Stillstand verdammt.

Der gesamte Film spielt sich im Auto und den wenigen Metern in der Umgebung ab, die Kamera bleibt in der Maschine gefangen. Dass sie dabei nicht handlungslogisch identisch mit der auf der Armatur installieren Kamera ist, sondern die Perspektive wechselt und dabei auch unmögliche Positionen einnimmt, unterstreicht nur Panahis eleganten Tanz zwischen Leben und Kunst.

In der letzten Einstellung bricht ein Maskierter das Auto auf, um die Kamera zu entwenden. Die Speicherkarte: leer. Die Kunst lässt sich nicht einsperren.

Termine Friedrichstadtpalast, 7.2., 9.30 und 18.00 Uhr; HdBF, 7.2., 12.30 Uhr und 15.2., 14.30 Uhr