Wettbewerbsbeitrag

Unter Männern

Werner Herzog schickt Nicole Kidman in die Wüste: „Queen of the Desert“ im Wettbewerb

Was für ein Wechselbad der Gefühle! Zur Eröffnung hat uns die Berlinale gerade erst in das ewige Eis vom Nordpol geschickt, und nur einen Tag später, wird der Besucher in die Wüste geschickt. Heiß oder kalt – darunter macht es das Festival wohl nicht. Wieder geht es dabei um eine starke Frau, wieder auch um eine historische Persönlichkeit. Und auch zeitlich ist der Wettbewerbsbeitrag „Queen of the Desert“ ziemlich nah dran an „Nobody Wants the Night“. Hier aber steht die Frau nicht nur ihren Mann, indem sie ihrem Gatten nachreist. Hier reist sie fort, um gar nicht erst vermählt zu werden.

Gleich zu Beginn wird Nicole Kidman in ein Korsett geschürt, wie einst in „Portrait of a Lady“, gleich zu Beginn wird klar, dass sie sich nicht nur diesem modischen, sondern auch allen gesellschaftlichen Zwängen des viktorianischen England nicht unterwerfen will. Aber wohin mit einer aufrührerischen jungen Dame, die ledig bleiben will? „Lasst mich irgendwohin. Von mir aus nach Arabien. Nur raus von hier.“

So werden Biografien geschrieben. Kidman spielt Gertrude Bell, jene Frau, die in das zerbröselnde Osmanische Reich zog, um Persisch zu lernen, Poesie zu übersetzen und Beduinen zu studieren und die maßgeblich an der politischen Neuordnung im Nahen Osten beteiligt war. Al Khatun, die noble Dame, nannten sie die Osmanen, in die westliche Geschichtsschreibung ging sie als weiblicher Lawrence von Arabien ein.

Aber wie das so ist in dieser Welt: Über T.E. Lawrence, der ebenfalls bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs die Araber begreifen lernte, gab es 50 Jahre danach einen epochalen Monumentalfilm. Für das weibliche Pendant hat es noch einmal 50 Jahre gedauert. Vielleicht kommt der Film nun aber gerade recht. Just zur Zeit von Pegida, da Menschen sich vor einer Islamisierung des Abendlandes fürchten, tut es ganz gut zu erleben, wie eine Frau als Vermittlerin der Kulturen auftritt.

Eine Frau steht ihren Mann

Regie führt Werner Herzog. Das ist logisch und doch wieder nicht. Der Filmemacher hat sich von jeher für Extremsituationen und Extrembiographien interessiert, in Spielfilmen wie in Dokumentationen rückte er mit der Kamera an Orte, die kaum zu erreichen sind, vom Dschungel bis an den Nordpol, und erzählte von Menschen, die dennoch, oder gerade, dort leben. „Queen of the Desert“ scheint da nur eine logische Fortsetzung von seinen Klassikern wie „Aguirre - Der Zorn Gottes“, „Fitzcarraldo“ oder „Cobra Verde“.

Die Hauptrolle spielt aber eine Frau – und das ist schon fast eine Sensation. Denn Herzog-Filme waren immer Männerfilme. Reine Männerfilme. Frauen spielten da nur Nebenrollen. Es ging stets um Egomanen, die sich durchsetzen müssen, die Widrigkeiten nur als Herausforderungen sehen. Ein ewiges Spiegelbild des Regisseurs, der auch immer das Unerreichbare erreichen muss. Mit 72 Jahren nun mutiert Herzog, der vor fünf Jahren auf der Berlinale Jury-Präsident war, zum großen Frauenversteher. Die Reise in Orient wird zur großen Befreiungs- und Emanzipationsgeschichte.

Vorurteile allüberall. Die Briten in Teheran, die nicht wünschen, dass eine Frau ihr Näschen in ihre Angelegenheiten steckt. Die Türken, die in ihr eine Feindin wittern. Und die Beduinen, die sie am liebsten in ihr Harem eingemeinden würden. Aber diese Frau lässt sich nicht herumkommandieren.

Die Krux des Films ist, dass Werner Herzog sich hier gleich zwei Vergleiche gefallen lassen muss: einmal natürlich den des David-Lean-Klassikers „Lawrence von Arabien“. Auch Herzog findet schöne, erhabene Bilder für die Wüstenlandschaften, aber nie haben sie die fast poetische Dimension wie einst bei Lean. Und T.E. Lawrence kommt bei Herzog auch persönlich vor, kein Geringerer als Ex-„Twilight“-Vampir Robert Pattinson spickt da unter einem Beduinentuch hervor und sieht reichlich komisch und jungenhaft aus. Eher eine Witzfigur als mit dem großen Peter O’Toole auch nur im Ansatz vergleichbar.

Kidman ist nicht Kinski

Und dann muss sich Herzog auch an seinen eigenen Klassikern messen lassen. Und da fehlt dann doch eine ganz wichtige Zutat: die typisch Herzogsche Dosis an Wahnsinn nämlich, die all seine Figuren ausgezeichnet haben. Jene zumal, die sein Quasi-Alter-Ego Klaus Kinski spielte, mit dem sich der Regisseur berühmte Schlachten während der Dreharbeiten bis hin zu Handgreiflichkeiten geleistet hat, was aber immer zu extremen Leistungen geführt hat.

Kidman ist kein Kinski. Und statt dem Wahn zu verfallen, dem Reiz der Fremde oder der Idee, für die sie brennt, schmachtet sie, da ist der Film dann doch überraschend konventionell und auch wieder typisch männlich inszeniert, zwei Herren hinterher. Erst einem Botschaftssekretär (James Franco in seinem ersten von gleich drei Berlinale-Auftritten), der schnell aus dem Film stirbt, und dann dem Gallipolli-Offizier Charles Doughty-Wylie (Damian Lewis).

Nicole Kidman hatten wir eigentlich schon verloren geglaubt. Aber zum ersten Mal seit gefühlten Äonen ist sie wieder als Schauspielerin zu erleben. Und offensichtlich hat sie das Botox reduziert, in ihrem Gesicht sind auch wieder Regungen zu lesen. Aber den ganz großen Kampf, den versagt ihr der Film. Der hätte nämlich der Politik gelten müssen, und dem Versuch, in einer absoluten Männerdomäne zu agieren. Stattdessen: ein Schmachte-und-Walle-Film, eine Edelschmonzette, von der man nie vermutet hätte, dass ein Werner Herzog ihn drehen würde. Am Ende setzt sich die noble Dame einfach auf ein Kamel. Und reitet in die Wüste hinaus wie der Cowboy in den Sonnenuntergang. Aber das ist noch mal ein ganz anderes Genre.

Termine Zoo Palast 1, 7.2., 9.30 Uhr; Friedrichstadt-Palast, 7.2., 12 u. 21 Uhr sowie 15.2., 10 Uhr