Juliette Binoche

„Ich fühle mich hier wirklich willkommen“

Juliette Binoche über die Faszination des Filmfestes und ihres Berufs

Ganz in Weiß, so erschien Juliette Binoche in ihrem Kleid zur Eröffnungsgala der 65. Berlinale am Donnerstag, und genauso ganz in Weiß taucht sie im Regent Hotel am Gendarmenmarkt auf. Dieses Mal trägt sie jedoch einen Hosenanzug, der sich deutlich praktischer erweist als die Idee von Kleid, die sie am Vorabend trug. Da war der Stoff so spärlich, dass sie sich nicht hinsetzen wollte, bevor die Fotografen abgezogen waren.

Berliner Morgenpost:

Frau Binoche, wissen Sie überhaupt noch, wie viele Male Sie schon hier in Berlin und auf der Berlinale zu Gast waren?

Juliette Binoche:

Nein. Wenn ich es jetzt aufzählen müsste, würde ich ziemlich durcheinander kommen. Ich war wirklich schon oft hier, ich habe auch schon in Berlin gedreht und viel Zeit hier verbracht. Ich fühle mich hier wirklich willkommen. Es fühlt sich an, als habe man eine gemeinsame Geschichte, als wären wir gute alte Bekannte. Ich bin also ziemlich entspannt, aber trotzdem bin ich natürlich ein bisschen ängstlich und mache mir Sorgen, wie der Film ankommt. Das weiß man ja vorher nie und auch wenn ich darin nur ein Rolle spiele, gebe ich ja einen Teil von mir selbst preis.

In „Nobody Wants The Night“ spielen Sie die Frau des Polarforscher Robert Peary, der 1909 vorgeblich den Nordpol erreichte. Zur gleichen Zeit überlebte seine Frau, die unbedingt in seiner Nähe sein wollte, den arktischen Winter im Basiscamp.

Diese Extremsituation hat mich am meisten gereizt an diesem Stoff. Eine Frau, die im kalten Nirgendwo gestrandet ist. Im Dunkeln. In der Kälte. Ohne Nahrung. Nur noch eine Frau und ein kleines Baby ist an ihrer Seite – in dieser winterlichen Tragödie in der erbarmungslosen Kälte. Und die ganze Zeit denkt sie, dass der nächste Tag der letzte sein könnte.

Aber nicht, weil Sie diese Extremsituation tatsächlich erlebt hätten. Gedreht wurde der Film nicht in der Kälte, sondern zu großen Teilen im Studio in Bulgarien bei eher sommerlichen Temperaturen.

Als Schauspieler muss man immer erst mal ein paar Steine aus dem Weg räumen. Das gehört dazu. Die Umstände sind ja oft nicht ideal, und man muss trotzdem die Geschichte erzählen. Wetter gehört sowieso zu den häufigsten Filmtricks. Ich habe das schon früh gelernt. Ich habe schon in Filmen mitgespielt, in denen ich buchstäblich nichts anhatte – und das bei 20 Grad Minus. „Rendez-Vous“, der ganze Film war so für mich. In einem anderen Film bin ich ständig mit einem Rollkragenpullover herumgelaufen, weil er im Winter spielte. Gedreht haben wir ihn aber im Juli, in einem der heißesten Sommer in Paris.

Sie können sich aber gut an die Temperaturen erinnern.

Ich kann Ihnen tatsächlich zu jedem meiner Filme die genaue Temperatur sagen. So wie man Gefühle und innere Konflikte spielen muss, so muss man auch die Kälte spielen, um sie auf der Leinwand zu zeigen. Es geht in der Schauspielerei immer darum eine Wahrheit zu erschaffen. Und das Spannende ist, dass wir als Menschen dazu überhaupt in der Lage sind. Dass wir auch unserem Körper etwas vormachen können: Emotionen, Sinnliches, Übersinnliches, oder eben, dass ihm kalt ist, obwohl auf dem Thermometer etwas anderes steht. Mir war also kalt in diesen Szenen. Das können Sie mir glauben.