Geschichte

Zeugnis des Moments

Vor 200 Jahren wurde Otto von Bismarck geboren. Eine Biografie versucht ihn neu zu deuten

Eine Leserin hat dieser Zeitung neulich ein altes Foto zugeschickt. Es muss in den letzten Monaten der Weimarer Republik entstanden sein, vielleicht im Sommer 1932. Zu sehen sind ihr Vater, ihre Tante und zwei weitere Verwandte. Sie stehen auf dem Platz der Republik, im Hintergrund das Reichstagsgebäude.

Das Foto ist schon deshalb interessant, weil man die alte Kuppel gut erkennt. Sie ist noch intakt. Im Geiste nimmt der Betrachter sofort die folgende Entwicklung vorweg: den Brand des Wallot-Baus im Februar 1933, als Flammen aus seinem Dach schlugen und die Kuppel teilweise zerstörten. Und er denkt an die Folgen: die Abschaffung der Grundrechte, die Verhaftung der politischen Opposition, den Weg in den Führerstaat. Und doch hat er etwas Entscheidendes übersehen.

Politiker auf dem Sockel

Zwischen der Menschengruppe nämlich und den Treppen des Gebäudes erhebt sich ein riesenhaftes Denkmal. Zu erahnen ist sein mächtiger Sockel aus Granit, der eine sechs Meter hohe Bronzefigur in den Himmel stemmt. Zu deren Füßen befinden sich eine Reihe kleinerer Figuren, um die Größe des Säulenheiligen zu betonen: der sagenhafte Atlas etwa mit der Weltkugel auf dem Rücken. Auf dem Sockel aber steht keine Figur aus dem Reich der Legenden und Mythen, sondern Otto von Bismarck.

Soviel Personenkult um politisches Personal mutet heute grotesk an – zumal in Berlin, zu dem Bismarck zeitlebens ein gespaltenes Verhältnis hatte. Und doch gehört seine Glorifizierung noch zu Lebzeiten, besonders aber nach dem Tod 1898 in Friedrichsruh substanziell zu dem Bild, das sich die Nachwelt von ihm machte. Daran änderte wenig, dass das Bismarck-Nationaldenkmal 1938 an die Nordseite des Großen Sterns verlegt wurde. Bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein blieb Bismarck im Geschichtsbewusstsein der Deutschen eine uneingeschränkt positive Größe: der Eiserne Kanzler, der außenpolitische Jongleur, der weiße Revolutionär, der Reichseiniger. Noch heute stehen landauf, landab Denkmäler und Büsten Bismarcks herum. Kaum eine Stadt ohne einen Bismarckplatz oder eine Straße, die nach ihm benannt ist.

Aber das historische Bewusstsein folgt oft dialektischen Gesetzen: Auf die Seligsprechung folgt die Demontage. In diesem Sinn wurde Bismarck nach dem Zweiten Weltkrieg gern als Kriegstreiber und Reaktionär verteufelt. Im Osten sah man in ihm das Inbild des verhassten Landjunkers, dessen Reichtum auf der Ausbeutung der Arbeiter beruht. Doch auch im Westen machte sich eine junge Generation von Historikern an die Entzauberung. Vertretern der sozialhistorischen Schule wie Hans-Ulrich Wehler galt er als einer, der die Schneise schlug für den verhängnisvollen „deutschen Sonderweg“ in den Führerstaat mit den Endstationen Bombenkrieg und Auschwitz. Auf der anderen Seite standen konservative Arbeiten etwa aus der Feder Eberhard Kolbs, der Bismarcks außenpolitische Verdienste betonte und seine tragende Rolle bei der Reichseinigung lobte. Aber auch Kolb tat dies nicht im historischen Vakuum, sondern unter den konkreten Bedingungen des deutsch-deutschen Provisoriums.

Christoph Nonn, der Professor für Neueste Geschichte an der Universität Düsseldorf ist, und dieses lesenswerte Buch über Bismarck geschrieben hat, stellt all den Regalmetern angehäufter Bismarck-Forschung deshalb ein gemischtes Zeugnis aus: „Die Darstellung Bismarcks dreht sich im Kern nach wie vor um Fragen, die eigentlich selbst schon historisch geworden sind.“ Nun findet auch Nonns Studie nicht im luftleeren Raum statt. Das reflektiert sie auch, sie nennt sich eine „europäisch verstandene Bismarck-Biographie“. Aber stärker als ihre Vorgänger stellt sie sich nicht in den Dienst einer Theorie oder eines Schlagworts. Nonns Biografie ist davon durchdrungen, dass jede historische Situation prinzipiell offen und auf vielen Wegen fortsetzbar ist.

Die Kraft der Gegenwart

Viele von Bismarcks Entscheidungen beruhten auf dem Impuls des Augenblicks und einem oft sehr unduldsamen Gemüt. Mal folgten sie vorausschauendem Kalkül, mal waren sie schlichtweg falsch. Nonn birgt keine neuen Quellen, er stützt sich auch nicht auf das Sprachkunstwerk der „Gedanken und Erinnerungen“, mit denen sich Bismarck im Ruhestand selbst feierte. Sein Fokus liegt auf den zeitgenössischen Zeugnissen. Und stärker als seine Vorgänger bedient er sich des kontrafaktischen Gedankenspiels: Was gewesen wäre, wenn in dieser oder jener Lage ein anderer Weg eingeschlagen worden wäre. So kann man Bismarck auf sehr unterhaltsame Weise als Mensch erleben.

Wir sehen ihn auf den Stationen eines Lebens, an die wir uns von fern vielleicht noch aus der Schule erinnern: Seine von einem adligen Vater und einer bürgerlichen Mutter geprägte Kindheit; sein Leben als Bonvivant und Gutsbesitzer; sein Gang in die Politik, sein Aufstieg zum Ministerpräsidenten und zum Reichskanzler, sein oft artistisches diplomatisches Vermögen in den Jahren 1871-1890 und sein grantelnder Einfluss auf die Politik, nachdem er als „Lotse von Bord“ gegangen war, wie eine berühmte Karikatur es formulierte.

Nonn verschaltet die personenzentrierte Perspektive elegant mit sozial- und wirtschaftshistorischen Akzenten, er bettet sie ein in die langfristigen Prozesse von Demokratisierung und Industrialisierung. Er hat eine kluge, zeitgemäße Biografie geschrieben.

Christoph Nonn: Bismarck. Ein Preuße und sein Jahrhundert. C.H. Beck, 400 S., 24,95 Euro.