Bühne

Sex ja, Verantwortung nein

Maxim Gorki Theater: In Marianna Salzmanns Stück „Wir Zöpfe“ geht es zur Sache

Berlin ist auch schon mal besser weggekommen in der Literatur: Grau, kalt, unfreundlich, depressiv, selbstgerecht sei die Stadt, „schon lange nicht mehr arm und sexy, sondern einfach nur dumm und einsam“, heißt es einmal in Marianna Salzmanns neuem Stück „Wir Zöpfe“. Berlin selbst kommt auch zu Wort, als vielstimmiger, sich selbst ins Wort fallender Chor, wehrt sich aber nicht. Auch sonst knallt es ordentlich, wenn ein paar russische Juden, ein kurdischer Türke und ein deutscher Amerikaner gemeinsam Weihnachten feiern. Was hier nicht an Religions- oder Nationalitätsunterschieden liegt, sondern an zerrütteten Familienverhältnissen. Da versammelt Salzmann, die als Leiterin des Studio R und als Autorin von „Schwimmen lernen“ wesentlich am Erfolgsstart des Gorki Theaters mitwirkte, psychologischen Zündstoff: Wera hat ein gestörtes Verhältnis zu ihrer Tochter Nadeshda, weil sie früher von Russland aus für lange Zeit zum Arbeiten nach Deutschland gefahren ist.

Nadeshda rächt sich, indem sie ihre Tochter zwar Ljubov nennt, wie es sich Wera gewünscht hatte – aber erst, nachdem sie es abgetrieben hat. Ljubovs „Vater“ ist ein Amerikaner, der nicht nur mit Nadeshda, sondern auch mit ihrer Mutter ins Bett geht (was am Ende irgendwo zwischen Seifenoper und Vaudeville herauskommt). Außerdem gibt’s den todkranken Großvater Konstantin, der noch bei der Roten Armee kämpfte, den türkischen Kurden Imran, der Wera umgarnt. Und Ljubov, das abgetriebene Kind.

Dass Menschen unabhängig von ihren Hintergründen sich oft genug mit den gleichen Problemen rumschlagen, pflockt Salzmann ebenso mit dem Holzhammer der Überdeutlichkeit zusammen wie viele Details: Die Namensreihung der Frauen etwa bedeutet Glaube, Hoffnung, Liebe. Außerdem verbindet Salzmann ihre Figuren über das Thema Haare – die einen haben zu viel, die anderen zu wenig, was trotz der sympathisch lakonischen Dialoge ziemlich gewollt wirkt. Babett Grube lässt auf dem vorderen Bühnenstreifen spielen – das gesamte Portal ist vom Bauch und einem Hinterlauf eines Kaninchens verstopft. Schließlich rammeln hier alle wie die Karnickel, aber niemand will die Konsequenzen tragen.

Dimitrij Schaad steigert als Ljubov Witze ins unerträglich Schwarze, ein fieses Springteufelchen aus dem Jenseits. Nadeshda ist bei Anastasia Gubareva eine dauerangefressene junge Frau mit zunehmend schlechtem Abtreibungs-Gewissen. İlknur Bahadır versucht als dauergestresste Wera den Ausgleich, wovon an Weihnachten nur ein pfeifendes Stöhnen zwischen Lachen, Schluckauf und Schrei bleibt. Tim Porath knattert seinen Konstantin als sexbesessenen Opa Hoppenstedt hin. Das sind starke Miniaturen. Aber eine Geschichte, die mehr ist als die Summe ihrer Klischees, wird nicht draus.

Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Mitte. Tel. 20221-115. Termine: 8.2.; 5., 19.3.