Außer Atem

Tütenmonster und Kommentatoren

Felix Müller über nervtötendes Verhalten im Kinosaal

Es war mein erster Berlinale-Auftaktfilm, Pressevorführung um 12 Uhr mittags am Potsdamer Platz, die Vorfreude war groß. Doch dann rief am Abend davor der Kollege Filmredakteur an und sagte: „Komm früh, es wird voll“. Da verdüsterte sich meine Laune und ich dachte: scheiße.

Dazu muss ich sagen, dass ich im Kino nicht ganz ich selbst bin. Jedenfalls bin ich nicht so wie sonst. Als Jugendlicher habe ich mal eine Szene in einem Comic von Ralf König gelesen, in der ich mich ganz gut wiederfinde. Ich hoffe, ich habe sie richtig in Erinnerung: Ein feinsinniger Typ besucht darin ein Programmkino. Er will Visconti sehen, „Der Tod in Venedig“. Zuerst hat er den Saal für sich allein, der Film beginnt. Die Streicher schmelzen, die Lagune dämmert verschwommen im Weichzeichner, und Gustav von Aschenbach leidet, wie es sich für einen Künstler seiner Zeit gehört. Es ist also alles so, wie man es sich wünscht im Kino. Aber leider nur kurz.

Denn nun betritt eine chipstütenbewaffnete Rockerhorde den Saal. Ob hier denn nicht „Rocky“ laufe, trompetet einer fragend herein. Es ist dann aber auch egal, was läuft. Die Jungs lassen sich schnaufend und ausgelassen plaudernd nieder, rascheln mit der Tüte und beschweren sich vorhersehbarerweise schnell über den Film, den sie wahnsinnig langweilig finden. Unserem Kinofreund in den vorderen Sitzreihen läuft erst der Kopf rot an. Dann steigen feine Dampfschwaden aus seinen Nasenlöchern. Schließlich bekommt er einen Schreianfall, der sich gewaschen hat und mit dem er nicht nur das unverschämte Verhalten ihm gegenüber geißelt, sondern, in einer Art Generalabrechnung, auch die Respektlosigkeit gegenüber der Kunstform Film.

Ich reagiere ähnlich allergisch auf undiszipliniertes Verhalten im Kino – auch wenn ich es seltener mit Rockerhorden zu tun habe, dafür aber umso öfter mit Menschen, die das Geschehen auf der Leinwand tuschelnd besprechen müssen. Aber bei mir geht es eigentlich immer nur bis zu Schwaden aus den Nasenlöchern. Bis auf ein einziges Mal, da ging es weiter.

Das war 1999 im Kant-Kino. Der Film hieß „Blair Witch Project“. Ein Horrorfilm, pseudodokumentarisch, mit verwackelter Handkamera gefilmt. Eine Gruppe von Jugendlichen macht sich auf, eine Hexe zu suchen, die angeblich in den Wäldern von Blair ihr Unwesen treibt. Dann geschehen merkwürdige Dinge. Die Jugendlichen verlaufen sich, nachts hören sie beängstigende Geräusche. Einer von ihnen verschwindet. Die Grundstimmung des Films ist die nackte Panik. Aber ich konnte dieses im Kino ja eher seltene Gefühl nicht empfinden, weil hinter mir zwei Typen den Film kommentierten, als wären sie Gerhard Delling und Günter Netzer. Ein wiederholtes Pssst! aus allen möglichen Richtungen half nichts.

Ich wartete also auf den Höhepunkt, auf den jeder Horrorfilm zusteuert. Den Moment, in dem die Hexe aus der Deckung treten würde, um alles Leben auszulöschen. Als es endlich soweit war und selbst meine Hinterleute vor Spannung schwiegen, drehte ich mich zu ihnen um, sah ihnen zum ersten Mal in die Augen und sagte deutlich und mit tiefer Stimme ein ganz harmloses Wort: Buh. So verpasste ich zwar die Pointe des Films, aber der nackte Schrecken in diesen Augen, der war auch nicht schlecht.

Gestern beim Auftakt waren dann übrigens alle Zuschauer ganz wunderbar still.