Forum

Das Leben ist ein permanenter Ausnahmezustand

„Ben Zaken“ Bonjour Tristesse. Eine heruntergekommene Wohnsiedlung. Volle Wäscheleinen, lose Kabel, Satellitenschüsseln. Überall liegt Müll. Auch die Gefühle liegen brach. Der alleinerziehende Vater Shlomi (Eliraz Sade) lebt mit Tochter Ruhi (Rom Shoshan), Bruder Leon (Mekikes Amar) und der Mutter unter einem engen Dach. Die Waschmaschine stampft, die Flure sind lang und dunkel, die Rollläden geschlossen. Spannung liegt in der Luft. Shlomi arbeitet für seinen Bruder als Nachtwächter auf einer Baustelle und kommt gerne mal zu spät oder gar nicht zum Dienst. Ruhi kehrt mit blauen Flecken aus der Schule zurück. Sie spuckt auch gerne mal das Essen ihrer Oma aus. Liebe? Ist abwesend oder geht falsche Wege. Dass Ruhi im gleichen Bett wie ihr Vater schläft und sich bei Alpträumen an ihn kuschelt, ist zumindest verdächtig. Dass die Studentin Rickie Shlomis Bruder liebt, ziemt sich nicht. Zu jung, zu fordernd. Und dass Yair, ein stark behaarter Mann im Unterhemd, einmal Ruhi zu sich in seine Wohnung gerufen hat, geht gar nicht. Dafür schlägt ihn Leon zusammen, während Shlomi zuschaut. Diese und andere Formen der Gewalt finden außerhalb des Bildausschnitts statt. Das tägliche Leben ist schon schlimm genug. Das Faszinierende an Efrat Corems Regiedebüt ist weniger ihr unbedingter Stilwille, mit langen ruhigen Einstellungen im Stile des Cinema Verité eine Studie des Zerfalls menschlicher Beziehungen zu liefern. Sondern der Schauplatz im Jahre 2014: Obwohl Ashkelon, Heimatstadt der Regisseurin, so nahe am Gaza-Streifen liegt, ist der Gaza-Krieg weit weg, Das Politische ist privat, unter einer sehr dünnen Firnis aus Fürsorge und Verantwortung liegt eine Grundierung aus Gewalt, Frust und versagten Träumen. Ein in jedem Fall bemerkenswerter Film aus Israel, einem Land, aus dem wir im letzten Jahr noch ganz andere Bilder gesehen haben.

Termine Cinemaxx 4, 6.2., 21.45 Uhr; Arsenal 1, 7.2., 12.30 Uhr; Cinestar 8, 9.2., 16:30 Uhr; Delphi, 15.2., 19:00Uhr