Abschied

Helden in der Trümmerstadt

US-Fotograf Will McBride fotografierte die Stadt im Aufbruch. Jetzt starb er mit 84 Jahren

Beim letzten Besuch im Oktober in seiner kleinen Wohnung am Hackeschen Markt, da spürte Will McBride, wie es um ihn steht. Die Krankheit nagte sichtlich an ihm. Doch eines hielt ihn aufrecht, die Vorbereitung für seine große Ausstellung „Ich war verliebt in die Stadt“, Fotos aus den Jahren 1956 bis 1963. Damit eröffnete die C/O-Galerie Berlin ihr neues Domizil im sanierten Amerika-Haus. Eine Ehre für ihn, zumal unten im Erdgeschoss die weltberühmten Magnum-Fotografen hingen.

Partys, Lust und Anarchie

McBride brauchte einige Zeit, um aus den vielen, vielen Bildern auszuwählen: Für ihn war es ein Blick zurück auf seine frühe, euphorische Berlinzeit, zugleich eine Rückkehr nach über einem halben Jahrhundert. 1957, als das Amerika-Haus als Re-Education-Center der US-Regierung eröffnete, durfte er hier als erster junger Fotokünstler eigene Werke präsentieren. Für ihn schloss sich mit der C/O-Schau also ein Lebenskreis. Der 84-Jährige starb am Donnerstag in einem Berliner Krankenhaus.

Die Amerikaner wussten genau, warum sie den jungen Landsmann aus St. Louis als Aushängeschild für ein optimistisches, zukunftsbestimmtes Lebensgefühl ausgewählt hatten. So lebenshungrig, vital und aufbruchsbereit hat man Berlin in den 50er-Jahren wohl noch nie gesehen. McBride kam 1955 als GI aus Würzburg, wollte unbedingt nach Berlin, ihn reizte das raue Klima der zerstörten Stadt, deren Vakuum für ihn wie eine weiße Leinwand gewesen sein muss. Ursprünglich entstanden seine Fotos nur, weil er Motive brauchte für seine Gemälde. Er hatte in Amerika Malerei studiert, die Kamera war nur Hilfsmittel. Berlin veränderte seine Sehgewohnheiten. Und so zeigen seine Fotos die ungezügelte Lust am Leben. Der junge Amerikaner bewegte sich mittendrin, bezog ein Atelier in Steglitz, hatte viele Freunde, Eva, Christine, eine smarte Clique, großteils Architekturstudenten. Hedonismus pur: jede Menge Partys, Musik auf Booten, Anarchie, Lust, Männer, Frauen, alles dabei. Die jungen Leute waren Helden in einer Trümmerstadt, die sich neu erfinden musste.

McBride veröffentlichte später seine Reportagefotografien in Magazinen wie „Life“, „Paris Match“, „Quick“ und für die Kultzeitschrift „Twen“. Übrigens hielt er auch Momente fürs Geschichtsbuch fest – John F. Kennedy, Willy Brandt und Konrad Adenauer vor dem Brandenburger Tor. Aufsehen erregte 1960 das Foto seiner hochschwangeren Frau Barbara im Profil. Annie Leibovitz zitierte 1991 das Motiv für „Vanity Fair“ – auf dem Cover Demi Moore. 1974 veröffentlichte er das umstrittene Aufklärungsbuch „Zeig mal!“, in dem Sexualität auch bei Kindern dargestellt wird.

Die letzte Zeit in Berlin hat er nur noch gemalt, die Bilder, riesige Männerporträts, lehnten und hingen überall in seiner Wohnung. Zwischen den Gemälden fühlte er sich wohl. Die Kamera hatte er beiseite gelegt, er fremdelte mit der Stadt, „so, wie sie heute funktioniert“, erzählte er, „interessiert sie mich nicht mehr.“