Klassik-Kritik

Ton Koopman kämpft gegen die Unsicherheit an

Die Staatskapelle versucht sich an Werken der Familie Bach

Die große Entdeckung dieses Abends ist sicherlich Johann Christian Friedrich Bachs Sinfonie in B-Dur. Eine stilsicher geschriebene mittelgroße Sinfonie an der Schwelle zur großen Klassik erklingt da im Konzerthaus – der Komponist, einer der jüngsten Söhne des alten Leipziger Thomaskantors, hat Haydns Idee des Sinfonischen mit ihren Überraschungen, gedanklichen und kurzen stilistischen Seitentritten in andere musikalische Sujets hörbar im Ohr gehabt. Im Finale meint man sich plötzlich für wenige Takte in die steife barocke Welt des Vaters Johann Sebastian mit Kontrapunkten und Fugen zurückversetzt, elegant aber leitet der Komponist dann in den empfindsam-subjektiven Stil der Revolutions-Ära um 1790 zurück.

Die Staatskapelle spielt – zu einem merkwürdigen 444-jährigen Jubiläum, das mangels eines wirklichen Gründungsdatums erst recht etwas künstlich wirkt – unter Ton Koopman, einem echten Spezialisten für Historisches. Mit den kleinen Material-Bausteinen von Bachs fast schon klassischen musikalischen Konstruktionen, damit, wie man sie deutlich voneinander absetzt und dennoch in einem ausgesprochenen Legato-Denken verbleibt, kennen sich die an Beethoven geschulten Musiker allerdings auch ohne Koopman aus. Auch das zuvor erklingende Violinkonzert c-moll von Vater Johann Sebastian Bach gerät achtbar, nicht zuletzt aufgrund der Leistung der Staatskapellen-Solisten Lothar Strauß (Violine) und Gregor Witt (Oboe). Sie schaffen das Kunststück einer prononcierten, aber nicht naseweis altklugen Phrasierung, die bei Konzerten in historischer Aufführungspraxis nicht selten zutage tritt. Außerdem schärfen sie in den gemeinsamen Passagen mit der Staatskapelle auf angenehme Art das Klangbild des Orchesters.

Das fehlt im Rest des Programms. Der an eher kleine, mit altem Instrumentarium und enormem Wissen um historisches Spiel ausgestattete Ensembles gewöhnte Ton Koopman kann seine Vorstellungen nicht verwirklichen. Bachs Orchestersuite Nr. 1 C-Dur gerät zu einem unfreiwilligen Kampf Aller gegen Alle. Streicher, die zahlreiche schnelle Einsätze verschleppen; zwei Kontrabässe, die Vieles in einen klanglichen Nebel hüllen; ein Fagottist, der trotz redlicher Bemühungen das Tempo des Ensembles nicht aufnehmen kann.

Ärgerlich wird es, als Anna Prohaska Bachs Kantate „Weichet nur, betrübte Schatten“ BWV 202 singen soll. Bereits mit einem um mehrere Schläge verspäteten ersten Einsatz im A-Teil der Arie „Weichet nur, betrübte Schatten“ zieht sich die Sopranistin den Boden unter den Füßen weg. Festen Tritt erlangt Prohaska in diesem Konzert auch in ihrer Intonation und den Koloraturen nicht mehr, später hält Ton Koopman das ebenfalls verunsicherte Orchester während seines eigenen Cembalo-Spiels nur mit kräftigen Schlägen auf das zarte Instrument zusammen. Eine solche Vorstellung eines Weltklasse-Orchesters ist durch kein Jubiläum gerechtfertigt.