Berlinale

Politik, Proteste, Partys

In neun Tagen geht’s los: Dieter Kosslick verkündet letzte Neuigkeiten zur Berlinale

Nun wird „The Interview“ doch noch zum Gesprächsstoff auf der Berlinale. Cinema for Peace hat die Filmsatire auf Kim Jong-un für einen Preis nominiert. Das ist wohl die Quittung für die Drohungen, die Pjöngjang am Freitag gegen das Festival ausgesprochen hat. Aber, liebe Nordkoreaner, bitte nicht wieder missverstehen: Cinema for Peace grätscht sich zwar immer mitten in die Berlinale, um ein bisschen von dem Glanz des Festivals abzubekommen. Und James Franco, der in „The Interview“ eine Hauptrolle spielt, ist ja auch im diesjährigen Programm schon mit drei Filmen vertreten und damit omnipräsent. Aber die Gala-Veranstaltung hat nichts mit dem Festival zu tun.

1160 Filme in elf Tagen

Und so hat Festivalchef Dieter Kosslick am Dienstag bei der Pressekonferenz zur 65. Berlinale noch einmal betont, dass der Kinostart von „The Interview“ just am Eröffnungstag der Berlinale eine reine „Koinzidenz“ sei und von der „anderen friedensbewegten Initiative dieser Stadt“ gefeiert werde. „Dazu müssen Sie an den Gendarmenmarkt gehen, das hat nichts mit uns zu tun.“

Auch der Iran hat bereits kritisiert, dass die Berlinale das neue Werk von Jafar Panahi zeigt, der eigentlich mit Berufsverbot belegt ist. Solche Proteste ficht Kosslick freilich nicht an. Darauf angesprochen, ob man sich nach den Anschlägen auf Paris solidarisch zeigen werde, antwortete er kämpferisch: Das gesamte Programm sei eine „ einzige Solidaritätsbezeugung für die Freiheit der Kunst und die Freiheit der Meinung“. Bei der ersten Berlinale habe man sich das Motto „Völkerverständigung“ gesetzt. Darum ginge es seit 65 Jahren. Dafür stünden auch in diesem Jahr all die Filme, die sich mit den Konflikten der Welt auseinandersetzen: von Religionswahn, Folter, Repression bis hin zu Missbrauch und Pädophilie.

Kosslick konnte aber noch einen anderen, fröhlicheren Bezug zur ersten Berlinale herstellen. Stolz zeigte er eine Originalurkunde von 1951, dem ersten Jahr der Berlinale. Damals erhielt Walt Disneys Trickfilm „Cinderella“ den ersten Goldenen Bären. Jetzt, zur 65. Berlinale (5.–15. Februar), ist wieder ein Disney-Film namens „Cinderella“ zu sehen. Das Kinomärchen von Kenneth Branagh wird als Abschlussfilm gezeigt.

Die Berlinale-Pressekonferenz, die immer neun Tage vor Festivalstart abgehalten wird, ist ja längst ein Ritual. Alle Sektionsleiter sind da vertreten und spulen noch mal ihre Programm-Highlights ab. Dabei ist ja alles längst bekannt. „Wir haben alles gemeldet, was man melden kann“, gab Kosslick selbst zu. Eine neue Nachricht gab es immerhin. Bislang musste man ja befürchten, dass Darren Aronofsky allein in der Internationalen Jury sitzen müsste. Dann wurden aber doch noch, spät wie nie, auch die anderen Juroren verkündet, die über die Goldenen und Silbernen Bären entscheiden.

Aus Frankreich kommt Audrey Tautou, berühmt durch „Die fabelhafte Welt der Amélie“, aus Südkorea Bong Joon-ho, der 2014 „Snowpiercer“ im Forum zeigte, aus Peru Claudia Llosa, die 2009 den Goldenen Bären für „Eine Perle Ewigkeit“ gewann, letztes Jahr aber mit „Aloft“ floppte. Aus den USA kommen die Produzenten Martha De Laurentiis („Hannibal“) und Matthew Weiner, der für die bahnbrechende Fernsehserie „Mad Men“ verantwortlich zeichnet. Und Deutschland wird von Daniel Brühl vertreten. Das ist ein echter Coup. Der Berliner droht dem deutschen Kino ja gerade ein wenig verloren zu gehen und dreht überall sonst auf der Welt. Für die Berlinale tritt er aber mal wieder in „seiner“ Stadt auf.

Stars satt auf dem Teppich

441 Filme aus 72 Ländern sind in diesem Jahr auf der Berlinale zu sehen, das sind noch mal 32 mehr als im Vorjahr. 23 davon laufen im Wettbewerb, vier außer Konkurrenz. Beim European Film Market sind darüber hinaus weitere 719 Filme programmiert. Macht satte 1160 Filme in elf Tagen, macht 105,5 Filme pro Tag. Keine Frage: Das kann kein Mensch gucken. Da muss man streng auswählen. Und schnell sein: Denn im Kartenvorverkauf, der am 2. Februar beginnt, sind die begehrtesten Filme im Handumdrehen vergriffen.

Wer aber gar keine Filme, sondern nur Stars gucken will, kommt ebenfalls auf seine Kosten. Erwartet werden unter anderen die Hollywoodstars Nicole Kidman, Ryan Reynolds, Cate Blanchett, Natalie Portman, Robert Pattinson und Tim Roth, aus Frankreich kommen Léa Seydoux und Juliette Binoche, aus England Helen Mirren, Helena Bonham-Carter und Ian McKellen, aus Deutschland Katja Riemann, Moritz Bleibtreu, Tom Schilling, Lars Eidinger und Altstar Karin Dor. Und das sind nur die Filmstars: Erwartet werden auch Musiklegenden wie Donovan und die Beach Boys.

Unter den Regisseuren finden sich so illustre Namen wie der äußerst medienscheue Terrence Malick, Marcel Ophüls, Peter Greenaway, Benoît Jacquot, Anton Corbijn und Margarethe von Trotta. Deutschland ist gleich mit fünf Zugpferden im Wettbewerb: Andreas Dresen, Oliver Hirschbiegel, Sebastian Schipper, Werner Herzog und Wim Wenders. Letzterem werden auch der Ehrenbär sowie eine Hommage geweiht. Das zweite Mal überhaupt seit von Trottas „Das Versprechen“ anno 1995 wird das Festival mit dem Film einer Frau eröffnet: „Nobody Wants the Night“ von Isabel Coixet. In dieser Hinsicht hat Berlin klar die Nase vorn: Während Cannes nach wie vor eine Altherrenveranstaltung ist, sind hier gleich drei Regisseurinnen im Wettbewerb vertreten. 115 Filme insgesamt wurden von Frauen gedreht, knapp ein Viertel des Programms. Hoffen wir also bei alldem, dass am Ende nicht nur über „The Interview“ geredet wird.