Kino

Einer flog über den Broadway

Ein Ex-Star will sich als Charakterdarsteller beweisen: „Birdman“ ist der große Oscar-Favorit

Michael Keaton war mal ein Star. Das ist gut 20 Jahre her. Da spielte er einen Comichelden namens Batman. Zwei Filme katapultieren ihn in die A-Liste der Stars. Einen dritten wollte er nicht mehr drehen. Er hat dann noch ein paar andere interessante Filme wie „Schlagzeilen“ oder „Jackie Brown“ gemacht, aber an die frühen Blockbuster-Erfolge konnte er nicht mehr anknüpfen. Doch jetzt feiert er ein sagenhaftes Comeback. Er spielt Riggan Thomson. Der war auch mal ein Star. Das ist gut 20 Jahre her. Da spielte er, so viel Ironie muss schon sein, einen Comichelden namens Birdman. Drei Filme katapultierten ihn in die A-Liste der Stars. Einen vierten wollte er nicht mehr drehen. Er hat danach noch andere Filme gemacht, ist aber kaum mehr bekannt. Nun will er sein Comeback am Broadway feiern. Und beweisen, dass er nicht nur Superheldenstar kann, sondern auch Bühnenmime.

Keine Frage: Der Film „Birdman“, der am Donnerstag in die Kinos kommt, lebt zu einem Großteil von seinem Besetzungscoup. Das Drehbuch ist Keaton quasi auf den Leib geschrieben worden. Mag er auch pflichtschuldigst behaupten, nie habe er eine Person gespielt, die ihm unähnlicher sei, so ist das natürlich auch nur ironisches Augenzwinkern. Dass Michael Keaton die Rolle übernahm, obwohl er sich denken musste, dass keiner sich den Batman/Birdman-Vergleich verkneifen kann, zeigt schon mal, wie mutig selbstironisch, wie erfrischend uneitel der 63-Jährige sein kann.

Gleich zu Beginn sieht man ihn in der Bühnengarderobe in Unterhose meditieren, aber nicht etwa auf dem Boden, sondern frei schwebend. Der Mann hat mal einen Vogel gespielt. Das hat ihn beflügelt, oder aber, das ist die andere Lesart, er hat seither eine Meise. So ambivalent geht es weiter. Wenn später der ganze Wahnsinn der Probenarbeit ausbricht, wird Thomson Zwiesprache mit dem Birdman in sich halten, wird immer wieder ausrasten, immer wieder zu Drogen greifen. Er muss schlimme Perücken tragen, kriegt immer wieder was auf die Nase und muss, die komischste Sequenz, in Unterhose über den Times Square flitzen. Unter den Augen zahlloser fassungsloser Passanten, die alle sogleich ihre Handykameras aktivieren.

Michael Keatons beste Rolle

Aber man wird „Birdman“ nicht gerecht, wenn man ihn nur auf Keaton reduziert. Der Film lebt auch von anderen Stars wie Naomi Watts und Edward Norton, die mit Lust mit ihrem Image spielen. „Birdman“ ist so viel mehr, er ist einer der witzigsten, anspielungsreichsten Filme des Jahres. Und wäre der sichere Oscar-Kandidat, würde er nicht ausgerechnet in einem Jahr antreten, in dem mit „Boyhood“ ein noch originelleres, filmhistorisch einzigartiges Werk im Rennen ist. Aber der Reihe nach.

„Birdman“ handelt auch von dem ewigen Gegensatz zwischen Film und Bühne, Starkult hier und Schauspielkunst da. Die Kluft gibt es nach wie vor, und nirgendwo wird das deutlicher als in den USA, wo sie auch geografisch weit voneinander positioniert sind: Hier die „Tinseltown“ Hollywood im sonnigen Kalifornien, da die Broadwaymeile im unterkühlten New York. Deshalb muss sich der abgerissene Ex-Star hier beweisen, mit der Bühnenadaption eines Romans, die er auch noch selber besorgt hat. Und natürlich darf auch die wichtigste Theaterkritikerin der Stadt nicht fehlen, die dem Ex-Star ins Gesicht sagt, dass sie sein Stück verreißen wird, ohne es sich anzusehen: weil es in New York keinen Platz für den „Abschaum aus Hollywood“ gibt.

Gedreht ist das Ganze, und das ist der besondere Reiz, als käme der ganze Film ohne einen einzigen Schnitt aus. Als Hitchcock das einst mit „Cocktail für eine Leiche“ versucht hat, musste er reichlich tricksen. Als Alexander Sokurov das 2002 in „Russian Ark“ gelungen ist, musste es immer aufs Neue wiederholt werden. „Birdman“ ohne Schnitt zu drehen, wo der Film immerzu in und um das St. James Theatre in der 44. Straße kreist, von verwinkelten Gängen bis auf belebte Plätze, wäre nicht möglich gewesen. Aber Regisseur Alejandro González Iñárritu und sein grandioser Kameramann Emmanuel Lubezki lassen es so aussehen. Und unterlegen das Ganze noch mit einer permanent treibenden Beatmusik, wobei der Schlagzeuger immer mal wieder an den unmöglichsten Stellen im Hintergrund spielt. Ein einziges anschwellendes Crescendo, das schließlich in einer Szene kulminiert, in der besagter Riggan Thompson dann wirklich den Verstand verliert, die Flügel ausbreitet und abhebt. Blockbuster-Action am Broadway!

Michael Keaton spielt hier die Rolle seines Lebens, für die er zurecht gerade einen Golden Globe gewann. Aber auch Alejandro González Iñárritu liefert mit „Birdman“ sein Meisterstück ab. Bislang war der mexikanische Regisseur berühmt für Episodenfilme wie „Amores Perros“, „21 Gramm“ und „Babel“, in denen stets drei verschiedene Erzählebenen kunstvoll ineinander verwoben wurden. „Biutiful“ war dann sein erster linearer Film. „Birdman“ aber wagt nun das Extrem in die andere Richtung: eine hochkomplexe Geschichte wie am Schnürchen, ohne sichtbaren Schnitt zu erzählen. Eine einzige schauspielerische wie inszenatorische Tour de Force.

Heißes Preis-Duell

„Birdman“ oder „Boyhood“: Das ist nun die große Frage für die Oscar-Nacht in vier Wochen. Mit neun Nominierungen ist „Birdman“ der klare Favorit, aber das war er auch beim Golden Globe, und unterlag „Boyhood“ an Trophäen dann doch. Das könnte sich nun wiederholen. „Boyhood“ hat seither zahlreiche Kritikerpreise eingeheimst, aber am Wochenende hat „Birdman“ den Producers Guild Award und den Screen Actors Award gewonnen, die ebenfalls richtungsweisend in der „Award Season“ sind. Es wird ein selten heißes Oscar-Duell. Vielleicht sollten es die Nominierten so halten wie Keatons Birdman zu Beginn. In Ruhe über den Dingen schweben. Muss ja nicht zwingend in Unterhose sein.