Musik

„Album eines gebrochenen Herzens“

Nach vier Jahren Pause bietet Björk transzendentalen Kuschelpop

Sich über Björk lustig zu machen, ist ungefähr so originell, wie über Clowns oder Pantomimen zu lästern. Berichten wir also ganz nüchtern, dass die isländische Sängerin vergangene Woche völlig überraschend auf iTunes ihr neues Album veröffentlicht hat. Überraschend war das insofern, als „Vulnicura“ eigentlich erst im März erscheinen sollte.

Auf einer abfotografierten handschriftlichen Notiz („¡¡ Ladies and Gentlemen !! I am very proud to announce …“), was sehr Björk ist, diese Verbindung von privater Schrift und Social Media, von Geheimnis und Öffentlichkeit. Der März bot sich für ihr erstes Album seit vier Jahren insofern an, als dann auch das New Yorker Museum of Modern Art dem Gesamtkunstwerk Björk eine Ausstellung widmen wird.

Naturverbundene Mystik

Der breiten Öffentlichkeit ist die Musikerin vor allem als „die mit dem Schwanenkleid“ ein Begriff. Die Fans aber folgen Björks ätherischem Gesang wie einer Sirene, weil er nicht nur so flehend schön ist, sondern auch, weil er immer von elektronischer Musik und naturverbundener Mystik gleichermaßen begleitetet wird: Die Waldlichtung zum natürlichen Lebensraum des iPads zu küren, das schafft nur Björk. Ihr letztes Werk, „Biophilia“, war eine Spiele-App; in Björks Fall heißt das, dass an den zehn Klangstücken herumgebastelt werden durfte, auf dass sie sich über die synästhetischen Synapsen ergebener Hörer ins Universum weiten. Die Remixe, die bald darauf im Netz kursierten, gab die Sängerin als eigenes Album heraus. „Bastards“ sei gedacht, so Björk, „für Menschen, die keine Zeit haben für die zeitraubenden Jagdrituale des Internets“. Anlässlich von „Vulnicura“ erscheint das geradezu prophetisch, denn der Anlass für die überstürzte Veröffentlichung ist dem Vernehmen nach die Tatsache, dass die neun Lieder schon wenige Tage nach der Ankündigung des Albums im Netz auftauchten.

Eine ähnliche Maßnahme ergriff im Dezember Madonna, als sie sechs Lieder auf iTunes veröffentlichte, nachdem ihr neues Album „Rebel Heart“ im Internet kursierte. Allerdings tat Madonna es aus Verzweiflung darüber, dass es sich bei den geleakten Songs um unautorisierte „Demoversionen“ handele. Die nun veröffentlichten Stücke sollten, so hoffe sie, die Hörer davon abhalten, „unfertigen“ Werken zu lauschen, die „nicht zur Veröffentlichung bereit“ seien.

Als Vollprofi virtueller Kunstwelten bezeichnet Björk hingegen die vorgezogene Veröffentlichung von „Vulnicura“ als „Überraschung“, und schafft es, die kostenpflichtige Version ihres Oeuvres als Geschenk zu verkaufen. Womit sie sich auch den Wohltätigkeitsprofis um Bono überlegen zeigt, die das neue U2-Album „Songs of Innocence" zuletzt ebenfalls zunächst auf iTunes zur Verfügung gestellt hatten – allerdings nicht nur kostenlos, sondern vor allem ungefragt auf rund 500 Millionen Kundenkonten. Was viele der Beschenkten mit weniger Begeisterung aufnahmen als die wöchentliche Wurfsendung des örtlichen Discounters.

Für das unbedarfte Ohr klingt „Vulnicura“ wie – Björk. Wie so ein hochartifizieller Gefühlsüberschwang eben so klingt, wenn er „Stonemilker“, „Lionsong“, „Black Lake“ oder „Mouth Mantra“ heißt. Die Transzendentalversion von Kuschelrock. Dabei liefert Björk Interpretationsansätze gerne mit, indem sie sie als Bekenntnisse verkauft. So sichert sie sich die Deutungshoheit über ihr Werk, während sie gleichzeitig das Band zu ihren Jüngern noch enger knüpft. Im Fall von „Vulnicura" klingt das so: Es sei das „Album eines gebrochenen Herzen“, schreibt sie auf ihrer Webseite. Erst habe sie befürchtet, es könne vielleicht zu ichbezogen wirken. „Aber dann hatte ich das Gefühl, es wirkt universell. Und die Lieder können vielleicht helfen.“