Aufklärung

Der Deutschenversteher

Mit „Wie man Deutscher wird in 50 einfachen Schritten“ hatte der Brite Adam Fletcher einen gigantischen Erfolg. Nun hat er nachgelegt

Die Sache mit dem Sofa ist für Adam Fletcher schon einmal nicht so gut ausgegangen. Seine Freundin Annett und er hatten sehr unterschiedliche Ansichten, was von einem Sofa zu erwarten ist. Für Adam Fletcher muss es „in erster Linie schick aussehen und so gemütlich wie möglich sein“, wie er in seinem neuem Buch schreibt. Seine Freundin wünscht hingegen ein „ergonomisch ausgefeiltes Möbelstück“, das leicht zu putzen ist. Über 18 Monate erstreckten sich die Kaufverhandlungen. „Vermutlich geht es schneller“, schreibt Fletcher, „das Kyoto-Protokoll neu zu verhandeln“.

Nun kann man in der Kreuzberger Wohnung begutachten, was ein fauler Kompromiss ist. Das Ecksofa ist lang gestreckt, sieht zum Hineinwerfen aus und auch das das Anthrazit geht als Farbe durch. Soweit hat sich Adam Fletcher durchgesetzt. Überzogen ist es allerdings mit einem scheußlichen blauen Bettbezug, der den Originalstoff nur an den Rändern erkennen lässt. Der Bettbezug sei der Wunsch der Freundin gewesen, damit das Sofa nicht verdrecke. Wozu man allerdings einen Stoff schützen wolle, wenn man ihn ohnehin nicht nutzt, weiß Adam Fletcher auch nicht recht zu beantworten.

Die Differenzen im Hause Fletcher hat er unter der Überschrift „Englische Romantik versus Deutscher Pragmatismus“ zusammengefasst: Bei englischer Romantik sei es „unwichtig, wie gut etwas funktioniert – solange es nur gut aussieht. Nicht die Effizienz zählt, sondern die edle Absicht“, schreibt Adam Fletcher in „Make me German. Wie ich einmal loszog, ein perfekter Deutscher zu werden“ (Ullstein, 400 Seiten, 9,99 Euro). So sei es im übrigen auch zu erklären, warum junge Engländerinnen nicht auf ihren Minirock verzichten wollen, nur weil Winter ist: „Wollten sie es vor allem warm haben, würden sie zu Hause bleiben.“ Die deutschen Haltung könnte nicht weiter entfernt sein. Sie lautet: Es gibt kein falsches Wetter, sondern nur falsche Kleidung.

Eine seltene Zuneigung

„Wie man Deutscher wird in 50 einfachen Schritten“, hieß sein Erstling vor gut zwei Jahren. Ein Büchlein von knapp 150 Seiten, die eine Hälfte auf Deutsch, die andere auf Englisch verfasst. Es wurde ein gigantischer Erfolg, kam auf die „Spiegel“-Bestseller-Liste und ist in der neunten Auflage. Dass es ein Bestseller wurde, erscheint im Rückblick wenig überraschend.

Adam Fletcher hat über ein Thema geschrieben, das die Deutschen lieben wie kaum ein zweites und es heißt: Wie findest Du mich, so als Deutscher? Deutsche beschäftigen sich obsessiv mit der Frage, wer sie eigentlich sind, was ihre Tugenden sind, ob sie vielleicht immer noch gefährlich oder mittlerweile auch ein wenig putzig sind. „Das ist wieder typisch Deutsch“ ist ein typisch deutscher Satz. Über Deutsche geurteilt haben schon viele Autoren, aber wenige haben ihre Zuneigung so zum Ausdruck gebracht wie Adam Fletcher. Sein Erstling war ein Buch für Nicht-Leser. Das ist nicht abwertend gemeint. Er ist der Traum jedes Verlegers: Gut zu verschenken, irgendwie angesagt, ein sympathischer Autor, der mit den eigenen Unzulänglichkeiten kokettiert. Und wer dann doch in die Versuchung kommt, es zu lesen, wird das anekdotenreiche Buch unterhaltsam und geistreich finden.

Ihn hat die Resonanz überrascht. Sie erschien ihm in ruhigen Momenten geradezu grotesk. „Wieso saß ich in einem Berliner Rundfunkstudio und ließ mich stellvertretend für 63 Millionen Briten nach meiner Meinung über die 80 Millionen Deutschen fragen?“, schreibt er in „Make me German“. 2007 kam er nach Leipzig, ein Jahr später nach Berlin, konnte kein Wort Deutsch und wusste über das Land nicht viel mehr, als dass es den Zweiten Weltkrieg angezettelt hatte und verdammt gut im Elfmeterschießen ist. Wenige Jahre später – in einer Logik, die nur in der Unterhaltungsbranche gültig ist – wird er als Deutschland-Experte herumgereicht.

Nun schreibt er also über Integration. Wobei er sich selber fragt, in was eigentlich genau integriert wird? In Kreuzberg in der Schlesischen Straße, Berlins Antwort auf den Ballermann, ist er bestens vernetzt, aber das ist so wenig deutsch wie das El Arenal spanisch ist. Selbst Berlin sei eine Blase, muss er irgendwann feststellen, die mit dem restlichen Deutschland nicht viel zu tun hat. Also feiert er Schützenfest in Mönchengladbach, fährt per Mitfahrgelegenheit in den Osten Deutschlands und versucht sich im Nordic Walking. Letzteres sei etwas, was typisch Deutsch sei, denn nur hierzulande könnte man auf die Idee kommen etwas wie Gehen, das sich seit Jahrmillionen bewährt hat, noch einmal zu verbessern. „Nordic Walking bietet den idealen Dreiklang deutscher Leidenschaften: zum einen Wandern, zum zweiten das Optimieren eines Prozesses und zum dritten: Spezialausrüstung.“ Den Engländern sei es wichtig, dass man nett zueinander ist, dann werde schon alles gut, sagt Adam Fletcher, den Deutschen sei es wichtig, dass man „effizient zueinander“ ist.

Der Streber im Kurs

Wie gut er mittlerweile hierzulande integriert ist, erfährt er bei einem Orientierungskurs des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. Dass jemand dort freiwillig mitmachen möchte („ich möchte gern herausfinden, was ich nach Meinung der Regierung wissen sollte“, sagte er der Amtsdame), hatte man dort noch nie erlebt. Jedenfalls war er der Streber in dem Kurs: Er kennt sich aus mit Wahlrecht, Firmengründung und Lohnsteuerjahresausgleich.

Verändert habe ihn die Zeit in Deutschland schon, wie seine Mutter eher kritisch bemerkt. Wenn er nach Hause kommt, krittelt sie an seinem Englisch rum, dass er den herben Akzent verloren habe und mittlerweile ein Englisch spreche, dass seine britische Note verloren habe. Sein Deutsch ist flüssig, wenngleich er bei den Adjektivbeugungen jede Menge Fehler macht. Man würde in diesen Momenten nichts lieber im Leben machen als ihn korrigieren. Doch man darf nicht. Er hat geschrieben, dass es eines der hervorstechendsten Merkmale der Deutschen sei, dass sie Klugscheißer sind.