TV-Kritik

Krimi-Duell zwischen Anna Loos und Joachim Król

Gegen Ende des Jahres sollte man sich vor der Benutzung seines Fernsehers hüten.

Es steht, wenn es mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehkrimi weitergeht, wie es mit ihm im Januar beginnt, im Dezember eine wohl hochkomische mimische Schlagwetterkatastrophe an. So viele Schauspieler mit geradezu gefrorenen Gesichtszügen hat man selten gesehen. Sie schürzen kaum die Mundwinkel. Sie versuchen mit einer melancholisch verhangenen Augenbraue mehr zu sagen, als ein Drehbuchautor mit zwei Seiten Text. Und es gelingt ihnen sogar. Die Zeiten der großen Gesten scheint vorbei zu sein. Aber daraus wollen wir jetzt keine Systemtheorie machen.

Das Beweglichste am Kopf von Helen Dorn, der Düsseldorfer LKA-Kommissarin mit der brüchigen Biografie, für deren ziemlich großartige Darstellung sich Anna Loos ihr Schauspieltalent aufgespart zu haben scheint, ist ihr Pferdeschwanz. Ansonsten rührt sich da nichts. Ist auch keine Zeit. Sie muss mit ihrem Kollegen Gregor Georgi (ebenfalls ein Genie der Gesichtsbewegungsreduktion: Matthias Matschke) hinterher. „Bis zum Anschlag“ heißt ihr neuer Fall. In einem Vorort voller Villen, die aussehen, wie Villen in Vororten gern aussehen, wie Mausoleen nämlich, hat es Schüsse gegeben. Es ist jemand tot. Und ein Kind ist verschwunden. Und sein Vater. Wir wissen das alles. Wir wissen auch, wo die Fäden zusammenlaufen. Dorn und Georgi wissen es nicht. Aber sie holen auf. „Bis zum Anschlag“ ist ein Thriller mit zweieinhalb Erzählspuren, die sich verknäueln.

Dem Prozess zuzuschauen, ist ein ziemliches Vergnügen. Vor allem deswegen, weil am Ende der Fäden ein betrauernswerter Bösewicht steht. Eine zum verzweifeln tragische Figur. Doktor Ising heißt er. Joachim Król spielt ihn. Man möchte ihm ständig in den Arm fallen und ihn davon abbringen, noch mehr blutigen Unsinn zu veranstalten. Es geht alles schief. Ständig muss sich der Mann bei seinen Opfern entschuldigen. Einmal springt er ie Rumpelstilzchen herum und schreit Fäkalwörter, weil ihm die Sache über den Kopf wächst. Dr. Ising war Internist, bis er nicht mehr konnte, einer, der das Böse im Kleinen beseitigte, wie die Polizei es im Großen tut, sagt er mal. Er hatte es sich, bevor er böse wurde, angenehm eingerichtet im Mausoleum seines Lebens. Frau an Krebs gestorben, Tochter an einer Überdosis. Es ist halbdunkel im Bungalow. Man kann durch viel Glas in viel herrlichen Garten gucken. Es ist Sommer. Aber Dr. Ising heitert nichts mehr auf. Er wirft ständig Medikamente ein. Sein Herz ist eine Frostbeule. Der Entführte soll was erledigen für Dr. Ising. Er ist Sportschütze. Die Tochter dient als Druckmittel. So war der Plan. Das Schicksal hält sich, das ist die Tragik des Dr. Ising, nicht dran. Es wird geschossen und gestorben. Das Böse lebt weiter. Da können einem schon mal die Gesichtszüge festfrieren.

„Helen Dorn – Bis zum Anschlag“: ZDF, heute, 20.15 Uhr.