Ausstellung

Flucht mit einem Koffer voller Fotos

Eine Entdeckung: C/O-Galerie zeigt erstmals Fotografien der Jüdin Lore Krüger

Es ist eine dieser Koffergeschichten, die man eigentlich nicht glauben möchte, so viel steckt drin. Beim Auspacken des Kofferinhaltes rollt sich ein Leben auf, verbunden mit einer Odyssee durch viele Länder und mit einer jüdischen Exilbiografie – und zum Vorschein kommt dazu ein Konvolut von erstaunlichen Fotografien. 250 Fotos einzeln in Küchenpapier verpackt, zwischen 1934 und 1944 entstanden, bislang waren sie nicht an die Öffentlichkeit gelangt.

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Nicht ganz ungewöhnlich, dass Felix Hoffmann, Kurator der C/O-Galerie, Nachlässe angeboten werden, die er auf Qualität und Bedeutung prüfen soll. So war es auch bei Ernst-Peter Krüger, 68, der vor etwa zwei Jahren mit unscheinbarem Reisegebäck aus den 70er-Jahren bei Hoffmann im damaligen Postfuhramt auftauchte. Die Mappen mit den Fotografien seiner Mutter Lore Krüger, Jahrgang 1914, waren mit Gurten fixiert, erinnert sich Hoffmann. Ansonsten war „alles Kraut und Rüben“, also unsortiert, der Fotoexperte musste sich erst einen Überblick verschaffen. Lore Krüger? Der Name sagte ihm gar nichts.

Nun hängen die Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus dem Koffer „jungfräulich“ im oberen Stockwerk der C/O-Galerie, die zentrale Schau neben „Blow-Up“ und „Nina Vatanen“ im neuen, clever zusammengestellten Ausstellungsreigen im Amerika Haus. Krügers Fotografien sind Unikate, Negative gibt es nicht mehr. Ein Glücksfall fürs C/O – hier verbinden sich deutsch-jüdische Biografie und künstlerische Vita mit Berliner Familienbezug. 2009 starb Lore Krüger, die an der Karl-Marx-Allee gewohnt hat. Ihr Sohn lebt am Rande der Stadt.

Ihre Familie kommt aus Magdeburg und entschließt sich 1933, das Land zu verlassen. Es folgen die Stationen London, Mallorca, Barcelona, Paris. Die Eltern werden sich später in Mallorca umbringen, aus Furcht vor der Internierung. Auch deren Abschiedsbrief fand Hoffmann im Koffer.

Die 20-jährige Lore fängt in Paris an, Unterricht zu nehmen bei der Fotografin Florence Henri, die am Bauhaus beim umtriebigen László Moholy-Nagy in Deutschland Fotografie studiert hat. Der Einfluss der Bauhaus-Ästhetik in den frühen, 1935 entstandenen Fotos ist nicht zu übersehen. Krüger experimentiert ganz im Stil des „Neuen Sehens“, dazu gehören Fotogramme, Doppelbelichtungen und wunderbare, sehr kunstvoll arrangierte Stillleben: kontraststark, grafisch und transparent zugleich. Weintrauben, ein gefüllter Wasserbecher und ein Pfirsich daneben – das Licht bekommt haptische Qualität, bricht sich im Glas, strahlt durch die Beeren hindurch und „erleuchtet“ die samtene Pfirsichhaut. Ganz anders dagegen ihre Sozialreportage über Sinti- und Romafamilien, die sie 1936 im Auftrag einer US-Agentur in der Camargue macht. Eine stillende Mutter mit dem Baby an der Brust und ein Vater mit einem behinderten Kind auf dem Arm, derart offensive Motive „kannte man in der Zeit nicht“, erklärt Felix Hoffmann.

Gleichzeitig studiert Mademoiselle Krüger Marxismus an der Freien Deutschen Hochschule, 1938 lernt sie ihren späteren Mann Ernst Krüger kennen, einen deutschen Kommunisten. Mit dem deutschen Einmarsch in Frankreich 1940 wird sie von den Behörden zur „feindlichen Ausländerin“ erklärt und im Süden des Landes interniert. Nach der Freilassung will sie über Marseille nach Mexiko auswandern. Ohne Papiere ein Wagnis, die Angst vor Razzien und der Gestapo muss höllisch gewesen sein. 1941 erhält sie ein Visum, doch auf dem Weg nach Mexiko wird der Frachter gekapert. Nach Umwegen landet sie 1941 in New York, heiratet dort ein Jahr später. Die Küche funktioniert sie zum Fotolabor um. Offenbar war sie gut im Geschäft, wie im Katalog zu lesen ist. Ein Shooting bei einer Pariser Fotografin galt als chic.

Nach dem Krieg gehen beide, weil sie an den Kommunismus glauben, zurück nach Berlin, wählen als Wohnsitz die sowjetische Besatzungszone. Für den Aufbau Verlag übersetzt Lore Krüger Bücher aus dem Englischen. Wer in der DDR aufgewachsen ist, der wird bei Büchern wie „Tom Sawyer“ ihrem Namen schon begegnet sein. Warum sie aber die Kamera nicht mehr in die Hand nahm, darüber kann man nur spekulieren. Es heißt, Lore Krüger hätte Diphtherie gehabt und in Folge der Erkrankung sei ihr der Fotoapparat zu schwer gewesen. Vermutlich eine Schutzbehauptung, meint Hoffmann, typisch für viele Exilbiografien. „Die Menschen haben auf der Flucht so viel gesehen, sie haben unvorstellbare Bilder im Kopf. Da war es oft eine bewusste Entscheidung, keine Fotos mehr zu machen.“ „Wir wussten nur, dass die Fotos ihr sehr viel bedeuten“, meint ihr Sohn Ernst-Peter Krüger. „Aber unsere Eltern haben über die Vergangenheit nicht viel gesprochen, vielleicht, weil sie sie verdrängen wollten.“

C/O-Galerie, Amerika Haus, Hardenbergstraße 22. Katalog: 29,80 Euro. Täglich 11–20 Uhr. Bis 10. April.