Filmfestspiele

Peinlicher Rückzug nach vorschnellen Drohungen

Nordkorea hat der Berlinale gedroht. Dann war plötzlich alles nur ein Missverständnis

Peinlich, peinlich. Für kurze Zeit sah es so aus, als ob der Zorn von Nordkorea sich nun auch auf die Berlinale auswirkt. Unverhohlen drohte Pjöngjang dem Festival. „Gnadenlos“ werde man die Verantwortlichen bestrafen, ließ das nordkoreanische Außenministerium am Donnertag verlauten. Und diejenigen, die dabei mitmachten, die „Souveränität und Würde der Volksrepublik zu verletzen“, so war auch auf der Website der staatlich kontrollierten nordkoreanischen Nachrichtenagentur KCNA zu lesen, „werden einer gnadenlosen Bestrafung nicht entgehen.“ Am Freitag war plötzlich alles nur ein Missverständnis, das „nun ausgeräumt“ sei.

Was war geschehen? Nordkorea ereiferte sich, dass das Festival die umstrittene Hollywoodsatire „The Interview“ zeige, in der James Franco und Seth Rogen einen fiktiven Mordanschlag auf Kim Jong-un planen – und auch durchführen. Sony hatte den Film nach einer Hackerattacke, Drohungen aus Nordkorea und Androhungen von Anschlägen zunächst zurückgezogen, dann aber nach dem Protest vieler Amerikaner, auch des Präsidenten, doch gestartet. Das trug dem Film ungewollte Publicity ein: Plötzlich wollte jeder den Film sehen. Die USA, so nun der jüngste Vorwurf aus Nordkorea, nähmen die Berlinale zum Vorwand, um den Film in ihren „Vasallenstaaten“ verbreiten zu können. Und ausgerechnet Deutschland beteilige sich an dem „feindseligen Akt“: obwohl es in zwei Weltkriegen „unaussprechliches Unglück, Schmerz und Desaster“ über die Menschheit gebracht habe.

Das Dumme nur: Die Berlinale hatte nie vor, den Film zu zeigen. Vielleicht hat man in Pjöngjang einfach mal die Suchbegriffe „Interview“ und „Berlinale“ bei Google eingegeben. Tatsächlich findet sich dann ein Eintrag – allerdings von einem gleichnamigen Kurzfilm von Ernest Pintoff, der bereits vor Jahren auf der Berlinale lief. Vielleicht hat man in Pjöngjang aber auch die Berliner Morgenpost gelesen und ein Interview mit dem Festivalchef missverstanden. Darin hat Dieter Kosslick angedeutet, dass der Wirbel um den umstrittenen Film das Festival direkt betreffe. Weil „The Interview“ just am 5. Februar, dem Eröffnungstag der Berlinale, auch in deutsche Kinos kommt. Das sei zwar schon zuvor so geplant gewesen, bekomme aber nach der vorübergehenden Selbstzensur eine ganz andere Aufmerksamkeit. „Vielleicht machen die das speziell für die Nordkorea-Delegation, die immer zur Berlinale kommt“, scherzte Kosslick, um ernsthafter nachzusetzen: „Vielleicht wird an diesem Abend dann noch einmal darüber diskutiert, wie Nordkorea das Kino der Zukunft verändern könnte.“

Die Diskussion, das zeigte sich am Freitag, setzte schon viel früher ein. Nach den Drohungen hat Kosslick sofort den nordkoreanischen Botschafter in Berlin, Si Hong Ri, getroffen. Und ihm versichert, dass der Film nie für die Berlinale vorgesehen, ja nicht mal von Sony angeboten worden war. Dann der Rückzieher. Mit wohl völlig gegenteiligem Effekt: Der Eklat wird auch hier noch mehr Zuschauer ins Kino locken. Sony kann sich über die Gratis-PR freuen. Noch schlimmer aber für Pjöngjang: Wer jetzt im Netz die Begriffe „Berlinale“ und „Interview“ eingibt, wird unweigerlich auf die Politposse stoßen.