Klassik-Kritik

Wenn Thielemann plötzlich den Zeigefinger hebt

Philharmonie: Der Stardirigent leitet das „Deutsche Requiem“

Christian Thielemann leistet es sich, vor dem ersten Ton von Brahms’ „Deutschem Requiem“ eine gespannte Stille in der ausverkauften Philharmonie zu inszenieren. Zu Recht: Obwohl das Werk durchaus für den Konzertsaal gedacht ist, stellt sich der Konzertbesucher nicht zwangsläufig gleich auf Brahms’ Auswahl von deutschen Bibeltexten, wo die Tragik von Vergänglichkeit und Tod der Hoffnung auf Trost und Ewigkeit gegenübergestellt wird, ein. Vieles stellt sich hier allzu leicht vor die Botschaft von Vergänglichkeit und Trost: der weltliche Ort, der prominente Dirigent, das exklusive Ereignis. Thielemann baut mit seinen Schweigesekunden vor, so gut es geht.

Die getragen-elegante erste Chornummer „Selig sind, die da Leid tragen“ nimmt Thielemann in relativ langsamem Tempo, der hervorragend disponierte Rundfunkchor Berlin gebiert seine ersten Töne organisch aus der Unhörbarkeit heraus. Es wird dennoch eine recht weltliche, weniger vom Wort als von der instrumentalen und kapellmeisterlichen Gestaltung geleitete Aufführung. Christian Thielemann denkt aus den Orchesterstimmen heraus. Besonders deutlich wird dies an Stellen, an denen der Dirigent eigentlich das Gegenteil beweisen will. Doch als das „Selig sind“ in einer Reprise wieder aufgenommen und von Brahms effektvoll in eine unerwartete Harmonie gelenkt wird, erhebt Thielemann fast buchstäblich den Zeigefinger, dämpft für den 100-Mann-Chor vor dem harmonischen Wechsel aufwendig das Tempo. Eine diesseitige Schwerpunktsetzung.

Der Bariton Christian Gerhaher soll mit der engagiert dramatischen, wortorientierten Erinnerung an die Vergänglichkeit des Menschen dafür einstehen, dass nicht der ganze Abend unter dem Diktat weltlichen Klangzaubers steht. Doch der Gegensatz seines Gesangs zu dem orchestralen Verzauberungsapparat ist im Grunde zu groß. Die junge australische Sängerin Siobhan Stagg, sehr kurzfristig eingesprungen, meistert das Solo „Ihr habt nun Traurigkeit“ achtbar, kann aber ob der verständlichen Nervosität ihren Sopran nicht in gänzlicher Rundung entfalten.

So reibungslos und gediegen die Aufführung dahinfließt: Ein Stück wie das „Deutsche Requiem“ liegt nur scheinbar im Zentrum von Christian Thielemanns Lieblingskompetenz, dem Dirigieren von deutschem romantischem Repertoire. Denn hier geht es um mehr als um musikalische Logik, um Klangsinnlichkeit und um aus Musik entwickelte Weltanschauung à la Schopenhauer. Dazu, den musikalischen Protestantismus, in dem Brahms ganz selbstverständlich gelebt hat, für unsere Zeit zu übersetzen, bedarf es anderer Mittel als der eines Klangmagiers am Pult eines Spitzenorchesters. Der Rundfunkchor selbst hat vor einigen Jahren in seiner szenischen Fassung des „Requiems“ gezeigt, wie wichtig eine plastische Vergegenwärtigung des Textes ist. Das ist mit Thielemanns dirigentischem Hervorheben einiger kleiner Chornoten nicht zur Hälfte erledigt.