Bühne

Ein Muttermonster im Terrormodus

Seifenoper und Boulevardkomödie: „Eine Familie“ im Theater am Kurfürstendamm

Wenn Blicke töten könnten, dann wäre dieser Abend ein Blutbad. Es sind die Augen von Ursula Karusseit, die klein und aufmerksam aus ihren geröteten Höhlen schauen. Sie spielt die Mutter Violet in Tracy Letts Erfolgsdramödie „Eine Familie“. Oder besser: Sie ist es. So erstaunlich verschmelzen im Theater am Kurfürstendamm sonst selten Schauspielerin und Rolle: Jedes Gesichtszucken, jedes Schlurfen, jedes Husten wirkt so natürlich, als wäre die Karusseit selbst ein Muttermonster, die ihre Sippe terrorisiert.

Gut, die Vorlage ist natürlich großartig. Letts, dessen Stück im Original lakonisch „August: Osage County“ heißt nach Zeit und Ort, wurde 2007 zum Broadwayhit, erntete die wichtigsten Dramatiker-Preise und wurde mit Meryl Streep und Julia Roberts prominent verfilmt. In Deutschland trat es als „Eine Familie“ 2008 seinen Siegeszug an und wird seitdem landauf und landab gespielt.

Ideales Schauspielerfutter

Merkwürdig genug, dass es bislang noch nicht in Berlin gelandet ist. Mit seiner Mischung aus Familiendrama, Seifenoper und Boulevardkomödie in der Tradition von Edward Albee und Tennessee Williams ist es ideales Schauspielerfutter: Lauter Charaktere aus Fleisch und Blut, voller Eigenheiten, Widersprüche und handfester Konflikte. Natürlich braucht man dafür ein großes Ensemble, das nicht nur mit Namen glänzt, sondern mit Spielwut.

Dass das hier der Fall ist, dürfte an der Berliner Produktions-GmbH santinis production liegen, einem Schauspielerprojekt. Und an Ilan Ronen. Der Regisseur ist Leiter des Habima National Theatre in Tel Aviv. Während seine Kinder Yael und Michael Ronen seit Jahren in der Schaubühne, im Ballhaus Naunynstraße und Gorki arbeiten und aus Berlin nicht mehr wegzudenken sind, inszeniert er zum ersten Mal in Deutschland. Was ihre Abende auszeichnen, findet sich hier als im besten Sinne konservatives Theater wieder: Witz und Abgrund liegen oft nur eine Wortlänge auseinander.

Dafür hat Tal Shacham ein Haus mit mehreren Ebenen auf die Drehbühne gestellt, dessen Räume ineinander übergehen und nach oben hin auszufransen scheinen – ein überschaubarer Kosmos in Auflösung, der zunehmend um sich selbst kreist. So wie Mutter Violet: Als ihr Mann spurlos verschwindet, versammelt sie ihre Familie um sich. Eine Chance, um alle mal so richtig runterzuputzen. Ihr „Ich sage nur die Wahrheit“ wird zur großen Lüge des Abends: Natürlich ließe sich das, was sie austeilt, auch mit weniger Gift verspritzen. Und natürlich ließe sich mit all dem Wissen, dass sie über ihre Angehörigen hortet, auch verantwortlich umgehen. Aber dann wäre diese Rolle nur halb so grandios. Lange lauert Karusseits Violet mit wachem Blick, um dann zuzupacken wie eine Schlange, sich mit aller Körperkraft in den anderen zu verbeißen. Das ist auch deshalb packend, weil sie ihre Figur zwischen Triumphgeheul und Verzweiflungsstöhnen als Mensch grundiert, der geliebt werden will.

Die größte Gefahr bei „Eine Familie“ liegt ja darin, Letts messerscharfe Pointen zu effektheischend zu servieren. Dann rutscht das Konstrukt schnell Richtung Schenkelklopfer – trotz Sucht-, Fremdgeh-, Inzest- und Missbrauchs-Nebenhandlungen. So geschehen 2011 in Potsdam, wo Barbara Bürk das Stück mit Tina Engel in die Seifenoper-Comedy trieb. Davon ist diese Berliner Erstaufführung weit entfernt – ein Verdienst der Regie, aber auch jedes einzelnen Schauspielers. Lässig feuern sie die Pointen ab als im Affekt geschlagene Wunden, treiben ihre Figuren gerne mal bis an den Rand der Karikatur, überschreiten diese Grenze aber nie.

Da sind die drei Weston-Schwestern Eva Löbau pendelt als Ivy sehr angenehm zwischen dem Selbstbewusstsein einer Frau mit Uni-Karriere und dem Drama, von der Mutter wieder zum Kind degradiert zu werden, Friederike Kemper legt ihre Karen als Tussi an, die sich die Lebenslüge selbst nur mühsam glauben kann. Annette Frier als älteste Tochter Barbara scheitert, wo sie auch hintritt: Als Ehefrau, als Mutter, als Tochter. Dabei zeigt sie noch im Wutausbruch ihre Verletzlichkeit. Frier zeichnet beeindruckend eine vom Beginn zwischen allen Stühlen sitzende Frau, deren eigentliche Tragik darin liegt, den Knoten zwischen Selbst- und Fremdzuschreibungen nicht lösen zu können. Großartig die Szene, in der sie mit Noch-Ehemann die Gästecouch bezieht: Während Jan Messutats Bill quatscht, macht sie die ganze Arbeit. Hinterher wird der Kampf um die gemeinsame Decke zum Sinnbild der gescheiterten Beziehung. Kein Wunder, dass sich Tochter Jean bei Amelie Plaas-Link hinter einem Schutzwall aus Pubertäts-Allüren verschanzt.

Violets etwas prollige Schwester Mattie Fae lässt Marion Breckwoldt zwischen liebenswürdiger Gemütlichkeit und hasserfüllter Härte pendeln, wenn sie ihren Sohn Little Charles fertig macht. Ivan Vrgoč spielt ihn als in sich gekehrten, neurotischen Jungen, den die Liebe zum Leuchten bringt, während Felix von Manteuffel hinter dem jovialen Poltern seines Charles senior eine tiefe Lebensenttäuschung durchschimmern lässt.

Ronen lässt die großen und kleinen Zusammenstöße auf allen ebenen der Simultanbühne spielen und betont so die Gleichzeitigkeit der Handlungen. Wenn sich die drei Schwestern zum Problemgespräch ins Arbeitszimmer des Vaters zurückziehen, dann hockt ihr Cousin Little Charlie stumm vorm Fernseher, kloppen die anderen Karten, tigert Violet auf Entzug durch ihr Schlafzimmer, liest unterm Dach Johnna, die als Pflegepersonal eingestellt ist und sich als Heilerin für alle entpuppt.

Wenn kurz vor dem Showdown beim Abendessen die große Sprachverwirrung herrscht, dann ist das auch ein Bild dafür, wie sehr hier verbal alle um sich kreisen, ohne zuzuhören. So setzt sich in gut drei Stunden ein dichtes, zeitloses Drama zusammen, ein Schauspieler-, ja, ein Theaterfest.

Theater am Kurfürstendamm Kurfürstendamm 206/209. Nächste Termine: 27.-31. Januar, 1., 3.-8., 10.-13. Februar, 14.-19., 21.-26., 28.-30. April, 1.-3. Mai.