Theater-Kritik

Carmen als illegale Einwanderin in der Neuköllner Oper

Entgegen des bekannten Vorurteils, wonach Opernfiguren mindestens zehn Minuten brauchen, um zu sterben, geht es bei der „Akte Carmen“ in der Neuköllner Oper ganz schnell.

Mit einem Plastikmesser versetzt der bullige Polizist José (Christian Schleicher), vor Eifersucht rasend, seiner geliebten Carmen (Farrah El Dibany) einen kurzen, aber heftigen Stich ins Herz. Sie zuckt noch einmal heftig, dann fällt die schöne Ägypterin in weinrotem Jerseykleid und schwarzer Lederjacke leblos zu Boden. Für Carmen hat der Polizist seinen Dienst quittiert, den deutschen Pass weggeworfen, ist ein Illegaler, ein Fremder in seinem eigenen Land geworden. Illegal, wie die geschätzten 50.000 Menschen jeglicher Herkunft, die ohne offizielle Dokumente in Berlin leben.

Vor dem Hintergrund wachsender Fremdenfeindlichkeit wird Bizets revolutionäres Werk in „Die Akte Carmen“ in der Neuköllner Oper vom israelischen Regisseur David Mouchtar-Samorai als paneuropäisches Migrantendrama inszeniert. In Neukölln macht Mouchtar-Samorai aus Carmen eine illegale Einwanderin, die, zusammen mit einer Schmugglerbande, ständig mit dem Gesetz in Konflikt gerät.

Mit billigen Street-Glamour-Outfits – Leoparden-Minirock, transparente Tops und übergroße Kreolen für die Frauen und schlabbrige Jogginghosen und Muskelshirts für die Männer – singen die Darsteller in Alltagssprache von der universalen Legende um Eifersucht, Freiheit und Armut. Und für die Neuköllner Version auch von der freien Marktwirtschaft, die ihnen ihre krummen Geschäfte ermöglicht.

Nichts als ein Netz aus blauen Neonfäden umspannt die karge Bühne, das Orchester ist minimalistisch, dezent werden auf dem linken schwarzen Bühnenflügel englische Untertitel projiziert. El Dibany mit den langen brauen Haaren und dem frechen Grinsen ist von außergewöhnlicher Schönheit und zeigt sich in ihrem „Carmen“-Debüt als wandlungsfähige Sängerin. Auch Christian Schleicher überzeugt stimmlich, auch wenn es ihm von der Performance her aufgrund seiner kräftigen, nahezu bulligen Statur und seinen mechanischen Bewegungen an Ausdrucksstärke fehlt. Der heimliche Star an diesem Abend ist allerdings ohne Zweifel Miriam Miesterfeldt, die als Sopranistin mit perfekter, klarer Stimme in der Rolle der Micaela brilliert. Sie verkörpert die Unschuld vom Lande, in hellblauer Jeans und schwarzem Kapuzenpulli hat sie die Hände in die Hosentaschen gesteckt, in leicht gekrümmter Haltung hat sie die Stirn in Sorgenfalten gelegt. Selten hat jemand so bezaubernd Josés Schicksal besungen.

„Die Akte Carmen“ Neuköllner Oper, Karl-Marx-Str. 131-133, Neukölln. Weitere Termine: 24. 25.,28., 29. und 31. Januar.