Klassik-Kritik

Gil Shaham schafft ein kleines Wunder mit seiner Geige

Der Starviolinist mit Marek Janowski in der Philharmonie

Was für eine Schostakowitsch-Vierte: wild schäumende Streicherschwärme, höllisch keifende Holzbläser, eine Schlagzeughorde, die urplötzlich acht Hörner niedertrampelt. In der Philharmonie herrscht Schockzustand. Es hilft kein Wegducken vor den splitternden Tuttiexplosionen, kein Wehren gegen die monströs malmenden Kräfte der Partitur. Das Publikum ist Schostakowitschs Musik schonungslos ausgeliefert – einer Musik von geballter Wut und ohnmächtiger Verzweiflung, von geräuschhaft verzerrten Gesten und kantigen Kantilenen.

Marek Janowski treibt den Orchesterkoloss unerbittlich an. Er wringt sein Rundfunkorchester zu höchster musikalischer Dichte. Selbst den quälenden Erschöpfungszuständen, die Schostakowitsch im Finale befallen, lauscht das Publikum vollends gebannt. Eine gefühlte Minute Stille lastet nach dem tröstenden Schlussklang im Saal. Gewaltiger Jubel danach für alle Beteiligten.

Schostakowitschs Vierte ist und bleibt die erschütternde Offenbarung einer geschundenen Künstlerseele. Kurz vor der Leningrader Uraufführung 1936 hatte der Komponist das Werk zurückgezogen. Aus Angst vor drohender Haft und Folter. Erst ein Vierteljahrhundert später wagte er sich mit dieser radikal anklagenden Partitur an die Öffentlichkeit. Und egal wer gegen dieses wuchtige Werk nun am selben Abend antritt – er kann eigentlich nur verlieren.

Geigenvirtuose Gil Shaham schafft trotzdem ein kleines Wunder. Hellklar und sinneschärfend dringt er in Benjamin Brittens Violinkonzert op. 15. Er elektrisiert die Streicher des Rundfunksinfonie-Orchesters, steuert mal den Konzertmeister, mal Janowski im offensiven Ausfallschritt an. Makellos leuchtet Shaham inmitten düster drohender Streichern und herb akzentuierenden Bläsern. Britten schrieb dieses Werk 1939, unter dem Eindruck des nahenden Zweiten Weltkriegs. Auch wenn sein Violinkonzert stilistisch etwas unentschlossen scheint, zwischen Neoklassizistischem und Mahler-Klängen pendelt, zwischen gepflegter Spätromantik und aufsässigem Schostakowitsch – ein souveräner Gil Shaham und ein hochkonzentriertes Rundfunksinfonieorchester ballen dieses Werk recht eindrucksvoll zusammen.

Lange lässt sich der Solist bitten, dann rückt er endlich mit seiner Zugabe heraus: Bachs „Gavotte en Rondeau“, ähnlich hellklar und sinneschärfend wie der Britten zuvor. Doch diesmal durchgängig begleitet von Shahams entwaffnend sympathischem Lächeln.