Kleinkunst

Nett, neurotisch und ganz lässig

Philip Tägert alias Fil erzählt, wie man vom unglücklichen Berliner Jungen zum Komiker wird

Es ist ja schon ein Phänomen. Wenn deutsche Komiker – also solche, die keine Arenen füllen, aber dafür tatsächlich lustig sind – so ungefähr Mitte, Ende Vierzig werden, schreiben sie Bücher über ihre Jugend. Die heißen dann „Dorfpunks“ (Rocko Schamoni) oder „Fleisch ist mein Gemüse“ (Heinz Strunk) und erzählen eigentlich alle die gleiche Geschichte: Damals, als Jungspunde, da waren wir die, die nicht gepasst haben. Unsportlich und unerotisch. Keine Mädchen, kein Selbstbewusstsein. Planlos in der Provinz. Alles, was wir hatten, war ein bisschen Punkmusik und ein bisschen Punkattitüde. Wir waren dagegen, weil wir nicht dabei sein konnten. Wir hatten Akne und peinliche Erektionen.

Fil ist Berliner und heißt eigentlich Philip Tägert. Er ist 1,86m groß und wiegt 85 Kilo. Seit 18 Jahren malt er zwei Schweinchen. Die heißen Dieter Kolenda und Andreas Stullkowski. Kurz: Didi und Stulle. Alle zwei Wochen erleben sie mehrbildrige Abenteuer in der Programmzeitschrift Zitty. Didi und Stulle, die sind so etwas, was manche Menschen Kult nennen, und damit meinen, dass es das schon so lange gibt, dass es nicht mehr wegzudenken ist. Aber weil Fil von Didi und Stulle im Speziellen und vom Comiczeichnen im Allgemeinen nicht leben kann, geht er auch mit einer Haihandpuppe – die heißt Sharkey – auf die Bühne und macht da Comedy. Fil ist also ein deutscher Komiker, der manchmal wirklich lustig ist, und er ist jetzt 48 Jahre alt. Natürlich hat er nun also auch ein Buch über seine Jugend geschrieben.

Das heißt „Pullern im Stehn“ und auf der zweiten Seite steht da, dass Fil heute ein guter Liebhaber ist, und dass er Interviews nur ungern gibt, eben nur dann, wenn es unbedingt sein muss. Gut möglich, dass das reine Koketterie ist. Denn er empfängt uns doch, sogar an einem Sonnabend und sogar in seiner Wohnung im Prenzlauer Berg. Seine Wohnung, das ist so eine, die man auch Bude nennen kann, nicht etwa weil sie klein ist, sondern, weil sie so ein bisschen zweckmäßig ist. So ein bisschen 70er schlammfarbig eingerichtet, provisorisch, schmucklos, dafür aber mit Apple-Laptop und einem Zimmer – darin ist es dunkel –, wo ganz viele Musikinstrumente drinstehen.

Wir sitzen im Wohnzimmer, die Tür steht offen, Fil macht Kaffee in der Küche, wir rufen über den Flur. Interviews, wollen wir wissen, warum mag er die nicht? Fil ruft, weil er nicht gut darin sei, einfach weil er immer „ehrlich darauf loslabere“ und auch hinterher nicht alles gegenlesen wolle. Seine Freunde, die Ärzte, also diese Band aus Berlin, die sich selbst als beste Band der Welt bezeichnet, die würden immer total super klingen in Interviews, sagt Fil, aber das läge halt daran, weil sie immer alles nachträglich gegenlesen und korrigieren wollten.

Aber, sagt Fil, da sei er zu ehrlich für. Er finde ja auch sein Buch nicht gut. Zu häufig habe er darin „unmotiviert“ über sein Geschlechtsteil geschrieben. Das hätte er – so finde er im Nachhinein – alles lassen sollen. Und genau so etwas solle man in Interviews ja eigentlich nicht zugeben, denn die sollten ja dazu dienen, das Buch zu bewerben, womit er seine These, dass er nicht gut in Interviews sei, ja jetzt halt schon bewiesen habe, sagt er und dann kommt er aus der Küche. Der Kaffee dampft. Er grinst aus seinem Kapuzenpullover. So ist er, der Fil, nett, neurotisch, häufig ironisch und ganz lässig.

Die Schirmmütze bemalt

Für seinen Autorenauftritt hat er sich ein Käppchen gemacht. Er hat eine Schirmmütze bemalt. Das Wort „AUTOR“ steht da nun drauf. Er sei eben ein „Freizeitautor“, so nennt er das. Denn jeder „Hirbel schreibe ja jetzt ein Buch“. Kein Buch schreiben, das könne man echt nicht mehr machen. Schon vor zwölf Jahren sei sein Lektor vom Rowohlt-Verlag auf ihn zugekommen und habe gesagt: Schreib. Egal was. Das war kein besonders präziser Arbeitsauftrag. Fil verlor sich in den Möglichkeiten. Er fing was über Dinosaurier und was über Zombies an. Nichts wurde fertig. „Was soll ich denn schreiben?“, fragte er seinen Lektor und der gab ihm – na klar – „Fleisch ist mein Gemüse“ und die „Dorfpunks“. Und so schrieb auch Fil über seine Jugend.

„Pullern im Stehn“ – das ist ihm so spontan eingefallen. Er wollte nicht wie seine Kollegen mit 100 Titelvorschlägen kommen. Der eine sollte es sein. So einfach, und doch so mehrdeutig. Denn „Pullern“, das sei für ihn was Kleines, und „im Stehn“ symbolisiere das Heranwachsen, welches auf den 287 Seiten beschrieben wird. Keine Frage, es ist ein schwer metaphorisches Werk voller kleiner überspitzter Geschichten aus dem Märkischen Viertel, wo er schon mit fünf Jahren eingeschult wurde und ziemlich schnell ziemlich groß wurde, aber mit dem Gewicht nicht so nachkam – und dann schlaksig und ungeschickt und vor allem schlecht in Sport war. Seine Mutter habe ihn beschwichtigt, Sport sei eh nur was für Idioten. Sie riet ihm seine selbstgeschriebenen Gedichte im Unterricht vorzutragen. Was soll man sagen. Der Schüler Fil, er war nicht so populär.

„Und damals – und das ist die Geschichte, die ich erzählen wollte – konnte dir als Außenseiter niemand helfen.“ Wie bei Didi und Stulle gibt es auch hier wieder einen Psychiater. Zusätzlich noch Maltherapie und Gruppentherapie. In den 80ern war eben auch nicht alles anders. „Aber du konntest damals eben nicht einfach ins Internet gehen und ,Nerd‘ googeln“, sagt Fil, der jetzt neben seinem Apple-Laptop am Wohnzimmertisch sitzt. „Ich hatte keine Informationen über andere Außenseiter.“ Früher war eben doch nicht alles besser.

Schon gar nicht als Mann. „Alte Frauen und junge Jungs – das sind die Löffel der Gesellschaft“, sagt Fil. Und mit Löffel, meint er so etwas wie Verlierer. Letztens noch, sagt er, hätte ein Freund gemeint, nun in den 40ern käme die Rache für damals. Die ganzen attraktiven, beliebten Mädchen aus Schulzeiten, die seien jetzt die alleinerziehenden Mütter vom Prenzlauer Berg. Und sie, die alten Männer – so steht es ja auch auf Seite zwei des Buchs –, seien jetzt die guten Liebhaber und nun hat Fil ja eben auch noch besagtes Buch geschrieben, das mache ihn natürlich extra attraktiv für „ehrgeizzerfressene junge Frauen“ – so steht es auf der letzten Seite des Buches.

Alle wollen nur geliebt werden

Die unsportlichen Jungs von damals, sie litten. Aus dem Umgang mit Leid entstand Humor. Sie wurden Komiker, weil sie in der Schule unbeliebt, im Erwachsenenleben endlich die Liebe von vielen wollten. Bewundert auf der Bühne. Befragt von Journalisten. Interviews geben, ach, das mögen sie doch. Der Strunk, der Schamoni und der Fil – sie alle haben eigentlich lustige kleine Aschenputtel-Bücher geschrieben. Die alle ungefähr so klingen: „Ich kannte Erektionen aus der Kindheit. Wenn ich mich über was gefreut hatte, über eine neue Playmobilfigur zum Beispiel, über eine ungewöhnliche Briefmarke für meine Sammlung oder über Sonnenschein, hatte ich immer mal wieder eine bekommen.“ („Pullern im Stehn“, S. 73) Man kann sie lesen, wenn man ein armer, junger Junge ist, der keinen Ball fangen kann, oder eben auch wenn man mal einer war und jetzt alles rund läuft. Denn auf Fils Lesungen, da wird viel gelacht. Sein Telefon klingelt. Immer wieder. Es sind Freundinnen. Alter unbekannt. Aber sie wollen auf die Gästeliste.

Aber, ganz kurz noch, das will Fil noch sagen: Zeit und Alter, das seien auch beim Mann kein Werte an sich. Wenn er 50 ist, dann wolle er keinen Didi und auch keinen Stulle mehr malen. Warum? Er sei letztens auf einem Motörhead-Konzert gewesen, so wolle er auch nicht enden.

Fil: Pullern im Stehn – Die Geschichte meiner Jugend. rororo, 9,99 Euro

Mehringhof-Theater, Gneisenaustr. 2a, Kreuzberg. Programm „Die Verschiedenheit der Dinge“. 20.–24.1. um 20 Uhr. Tel. 6915099