Klassik-Kritik

Bruckners letzte Noten führen zum Höllenkrach

Thomas Sondergard dirigiert das Konzerthausorchester

Die letzten Minuten Musik, die Anton Bruckner in seinem Leben vollendet hat, beginnen mit einem Choral. Es ist keiner, wie man ihn aus der Kirche kennt, sondern, ganz der technikgläubigen Entstehungszeit der Neunten Sinfonie gemäß, ein optimiertes Hybrid. Die Trompeten und Posaunen beginnen ein choralartiges Versatzstück, wiederholen es immer eine Tonstufe höher, während die Streicher es schwirrend mit steigernder Dramatik umgeben. Als fiele ihm dies im letzten Moment ein, lässt der Komponist das Ganze in einen Höllenkrach münden, als zerstöre er sein künstliches Werk zur Ehre des Göttlichen.

Solche Dinge kommen dem Hörer bei der ungewöhnlichen Interpretation der Neunten durch das Konzerthausorchester unter dem dänischen Dirigenten Thomas Sondergard in den Sinn. Sondergard nimmt das Tempo dieses letzten, mit „Langsam, Feierlich“ überschriebenen Satzes ungewöhnlich schnell – als könne er am Ende den Krach kaum erwarten. Und so könnte, wenn die Interpretation nicht nur der Idee, sondern auch der Ausführung nach wirklich stimmen würde, der Choral am Ende mit einem besonderen Sog in den Krach rauschen. Dafür allerdings fehlt dem Klang, den Sondergard mit dem Konzerthausorchester erzeugt, das Bedrohliche, Suggestive. Die Idee ist gut, handwerklich wird sie vom Orchester angemessen umgesetzt, nur ist das Ganze zu sehr mit kapellmeisterlicher Nüchternheit gesteuert. Natürlich wissen wir heute, dass eine Bruckner-Sinfonie, nur weil sie meistens in düsterem „Misterioso“ anfängt, den dunklen Gestus keineswegs über eine Stunde lang beibehalten muss. Doch Sondergards Bruckner hat, wenn auch auf höchstem Niveau musiziert, nur noch Richtung, keine Geheimnisse mehr. Das funktioniert am besten im Scherzo mit seinem motorischen Stampfen.

Den ersten Teil des Konzerts bildet Alban Bergs Violinkonzert „Dem Andenken eines Engels“. Dies scheint eher Sondergsrds Stück zu sein, er lässt Bergs Klang prototypisch ausspielen, über alles legt sich ein gedämpfter Schleier, und doch teilt sich der Gesamtklang für das Ohr des Hörers stets mit schlafwandlerischer Selbstverständlichkeit in kontrapunktische Haupt- und Nebenstimmen. Antje Weithaas spielt Bergs berühmte Trauermusik für die Alma-Mahler-Tochter Manon ausdrucksstark und mit mühelos erzeugtem großen Ton, aber nie forciert über das Orchester triumphierend. Während die Rede der Geige allmählich verstummt, erhebt sich auch hier ein Choral aus den Holzbläsern heraus, diesmal einer von Bach, der ohne technische Extra-Features ebenso in der Kirche erklingen könnte. Die Programmauswahl der Konzerthaus-Reihe „Zwischen den Noten“ besticht auch an diesem Abend durch eine Logik, die nicht von einer äußeren dramaturgischen Idee, sondern aus den Tiefen der Partituren herrührt.