Theater

Ein Traum in Wasserstoffblond

David Marton führt „Pelléas und „Melisande“ als Anti-Heldenpaar vor

Baumstämme liegen auf der Vorderbühne, ein lebensgroßes Puppenhaus mit Gitterstäben rollt vor und zurück, ein Holzsteg schiebt sich schräg in die Szene. Einmal fährt eine idyllische Puzzlelandschaft, später ein Alpenpanorama aus dem Bühnenhimmel herab. Dazu warten zwei Flügel und ein Klavier auf ihren Einsatz, beobachtet von einem Rehkitz.

Wer sollte bei all dem Aufwand nicht an Musiktheater denken? Zumal bei dem Titel: „Pelléas und Mélisande“ kennt man in Deutschland vor allem als Claude Debussys einzige Oper. Der französische Komponist stützte sich dabei auf Maurice Maeterlincks Drama von 1893, in dem der spätere Literaturnobelpreisträger märchenhafte Motive zu einem „Tristan und Isolde“-Gegenstück verknüpfte: Prinz Golaud findet im Wald die traumatisierte Mélisande und bringt sie mit an den Hof, wo sie seine Frau wird. Dass zwischen ihr und ihrem Schwager Pelléas etwas flirrt, entgeht auch Golaud nicht, der Pelléas erschlägt. Mélisande gebiert noch eine Tochter, bevor auch sie stirbt.

Die im Kern einfache Geschichte fasziniert vor allem durch die Sprache, die poetischen Andeutungen, die vielen offenen Stellen, die das Geheimnis der Liebe – ja, feiern? Verdammen? So richtig klar wird das nicht. Da bleibt Platz für Interpretation, aber eben auch für Musik, eine Spezialität von Marthaler-Schüler David Marton. Sein neues Volksbühnen-Projekt (nach „Wozzeck“, „Lulu“ und „Das Schottenstück“) wirkt, als wolle er Debussy durch Beethoven austreiben – der französische Komponist konnte den Klassiker nicht ausstehen. Da perlen unter Jan Czajkowskis Händen (der nebenbei als Golaud den Spießer raushängen lässt) die Kaskaden der Beethoven-Klaviersonaten, da stemmt Nurit Stark bravourös Teile der Solopartie aus dem Violinkonzert und stakst dazu als mysteriöse Schöne über die Bühne (die so bei Maeterlinck nicht vorkommt). Da singt das Ensemble um Bariton Thorbjörn Björnsson berührend einen Ausschnitt aus der Trauerkantate auf Kaiser Joseph II.

Björnsson spielt auch Pelléas, der nicht besonders feinsinnig an Lilith Stangenbergs nervöser Mélisande klebt. Die ist ein Traum in Wasserstoffblond mit Monroe-Touch, ein elfenhaftes Geschöpf mit Nöl-Anfällen. Ein Anti-Heldenpaar, dessen Anziehung sich eher aus der Ablehnung der anderen schrägen Typen am Hof erklären lässt als aus gegenseitiger Attraktion. Die Musik gerät zum Herrschaftsmittel: Während Pelléas an Klavier und Gitarre scheitert, reichen Golaud wenige Akkorde von Beethovens Es-Dur-Sonate, um seinen Halbbruder niederzustrecken. Marton versteht es eigentlich, das Verhältnis von Musik, Wort und Szene spannend ins Verhältnis zu setzen. Auch diesmal gibt es wunderbare Szenen, wenn sich alle um den liegenden König Arkel Hendrik Arnsts zu einer Art Totenklage versammeln, während er ziemlich lebendig ins Publikum grinst. Aber es ist insgesamt zu wenig, um Maeterlincks Rätsel-Stück zu knacken.

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte. Tel. 24065777. Termine: 17., 22., 29. Januar, 1., 20., 27.2.