Musik

Neuer Deutscher Flamenco

Bernhard Potschka war Gitarrist bei Nina Hagen und Spliff. Danach ging einiges durcheinander

Er führte in den späten 70er-Jahren mit seinem rüden Gitarrensound die Nina Hagen Band an. Er landete in den 80er-Jahren mit der Rockband Spliff Hits wie „Carbonara“, „Déja Vu“ oder „Heut Nacht“. Der Gitarrist Bernhard „Potsch“ Potschka hat sich in der deutschen Rockgeschichte verewigt. Doch Mitte der 80er-Jahre kehrte der Musiker dem unsteten Rockmusikerleben den Rücken. Und entdeckte eine ganz andere Welt für sich: den spanischen Flamenco und die arabische Musik.

Ein gutes Dutzend Alben hat der 62-Jährige in der Zwischenzeit veröffentlicht, meist akustische Instrumentalmusik, nichts für das schnelle Hören nebenbei. Seine gerade erschienene neue Platte „Summary“ ist die Essenz der vergangenen 30 Jahre, bringt Folk und Flamenco, klassische Elemente, arabische Rhythmik und virtuos gespielte Rockgitarre zusammen. „Zwei Stücke habe ich schon in den 90er-Jahren geschrieben, aber jetzt haben sie gepasst“, sagt er. Es ist eine Musik, die, von Percussion angetrieben, der Fantasie die Sporen geben will, die ohne Worte Bilder im Kopf produziert.

Politrock in Kreuzberg

„Ich bin ja schon zu Spliff-Zeiten auch mal mit einem Akustikstück angekommen, aber die Jungs wollten das nicht“, sagt der klassisch vorbelastete Musiker, der aus Würzburg nach Berlin gekommen war, um Cello zu studieren. Gelandet ist er 1973 zunächst bei der Politrockband Lokomotive Kreuzberg, zu der auch Schlagzeuger Herwig Mitteregger und der 2012 gestorbene Bassist Manfred Praeker gehörten. Sie veröffentlichten Konzeptalben wie „Kollege Klatt“ oder „James Blond – Den Lohnräubern auf der Spur“. Bereits hier prägte Potschka den Sound mit seinem ureigenen Gitarrenspiel.

Mit Praeker und Mitteregger stand Potschka im Februar 1978 zusammen mit dem Keyboarder Reinhold Heil und Sängerin Nina Hagen im ausverkauften Quartier Latin, dem heutigen Wintergarten Varieté, auf der Bühne. Es war die Geburtsstunde der Nina Hagen Band. Deren erstes, schlicht „Nina Hagen Band“ getauftes Album ist nach wie vor eines der bedeutendsten Alben der deutschen Rockmusik. Klassiker wie „TV-Glotzer“, „Auf’m Bahnhof Zoo“ oder „Unbeschreiblich weiblich“ finden sich darauf.

Doch die so kreative wie explosive Beziehung währte kaum drei Jahre. Nina Hagen verließ die Band, und 1980 erlebte die „Spliff Radio Show“ auf der Bühne des Kant-Kinos ihre Premiere. Mit Gästen wie dem AFN-Radio-DJ Rik de Lisle und dem Sänger Alf Klimek. Das zweite Spliff-Album „85555“ landete auf Platz 1 der deutschen Charts. Nachdem die Band sich 1985 nach musikalischen Differenzen aufgelöst hatte, zog Potschka mit seiner Frau und den beiden Töchtern nach Spanien. In ein einsam gelegenes Haus in Andalusien unweit von Gibraltar.

„Das hat aber nicht geklappt“, sagt er heute. Beruflich habe er nie eine Chance gehabt, Ausländer seien dort im Musikgeschäft nicht sehr beliebt. Aber er habe den spanischen Flamenco und die arabische Musik für sich entdeckt. „Ich bin da in die Flamencoszene reingerutscht, habe im Studio E-Gitarre mit den besten Flamencocracks gespielt. Aber ich wollte den echten Flamenco lernen. Auf einer echten Flamencogitarre. Inzwischen habe ich den originalen Klang drauf, aber das hat 15 Jahre gedauert.“ Bescheiden fügt er hinzu: „Es klingt wie Flamenco, aber es ist kein Flamenco.“

In Spanien ging seine Familie in die Brüche. „Plötzlich stand ich da als alleinerziehender Vater, und ich wollte da unten nicht mehr bleiben.“ Potschka kehrte zurück nach Berlin, um sein Leben neu zu ordnen. Er stürzte sich in die Musik. „Mir ging es nicht gut. Ich habe versucht, die ganzen spanischen Erfahrungen zu verarbeiten“, sagt er. „,Far From Spain‘ war meine erste Instrumentalplatte, aber es hat nicht funktioniert, war ein heilloses Durcheinander verschiedenster Stile. Ich habe sie nie veröffentlicht.“ Aber er hat daraus gelernt. „Ich musste erst meine Mitte wiederfinden. Es ging um meine innere Haltung zur Kreativität.“ Potschka komponierte, nahm auf, verwarf wieder, fing von Neuem an. Und plötzlich funktionierte es. 1996 erschien mit „Journey“ sein erstes Soloalbum, das er im Alleingang eingespielt hat. „Seitdem“, so Potschka, „gibt es keine Ladehemmung mehr.“

Spezialist für arabische Trommeln

„Der Flamenco hat ja arabische Wurzeln“, sagt er. „Das hat mich schon mit 18 in Würzburg interessiert.“ Er setzte sich intensiv mit arabischer Musik auseinander, nahm Platten auf mit dem Kollegen Frank Müller-Brys als Duo Gitarra Pura, spielte mit dem ägyptischen Sänger Nasser Kilada, produzierte in Kairo ein Album der Sängerin Aida al-Ayoubi, komponierte ein Werk für Symphonieorchester. „Und ich bin inzwischen Spezialist für arabische Percussion, wobei mir die Sufivariante mehr liegt, denn da gibt es auch tiefe Trommeln.“ All dies prägt nun die elf Kompositionen auf „Summary“, die dennoch überraschend rockig geraten sind.

Sein Gitarrensound war stets eigenständig und von hohem Wiedererkennungswert, rau, röhrend, robust. Weltmusiker Roman Bunka, ein Meister der arabischen Laute Oud, hatte ihm schon früh den Rat gegeben: „Das Wichtigste ist, einen eigenen Stil zu finden.“ Das hat Potschka beherzigt. Aber nimmt er diesen Sound? Potschka lächelt und meint: „Der liegt einfach unter meinen Fingern. Ich habe damals keine Gibson- oder Fender-, sondern Yamaha-Gitarren gespielt. Da haben manche die Nase gerümpft. Für mich war das genau richtig. Ich spiele ja eher so eine Leichtathletikgitarre, schon dreckig, aber nicht so fett.“

Davon ist auch auf „Summary“ einiges zu hören. Aufgenommen hat er das Album in seinem eigenen Studio, mit Unterstützung von Kollegen wie dem Schlagzeuger Thomas Gerke, Klarinettist Jan Lehmann oder Perkussionist Minas Suluyan.

Potschka will sich in diesem Jahr wieder in Richtung Rock bewegen und ein vor vielen Jahren auf Eis gelegtes Projekt verwirklichen. „Manne Praeker und ich haben schon 2001 den Versuch einer Spliff-Reunion gemacht“, sagt er. „Dafür haben wie zehn Spliff-Stücke mit diversen Sängern neu arrangiert und aufgenommen und auch zwölf neue Stücke eingespielt. Aber es gab Ärger mit dem Manager. Als wir mit allem fertig waren, haben wir uns getrennt.“

Immer noch gebe es rechtliche Probleme mit den Spliff-Stücken, aber bei den neu komponierten Titeln von damals sei inzwischen rechtlich alles geklärt. Die will er nun mit neuen Musikern produzieren und im Sommer veröffentlichen. Potschka, der inzwischen in der grünen Ruhe am Rande von Hohen Neuendorf lebt und dort sein Studio eingerichtet hat, ist Feuer und Flamme für das Projekt: „Das geht sehr in Richtung Nu Metal, hat aber auch poppige Momente. Als Sänger hat David Hanselmann zugesagt, bei den Aufnahmen mitzumachen. Ich sehe das schon als eine Weiterführung von Spliff an. Eben nur ohne Keyboards.“ Der Kreis schließt sich.

Potsch Potschka: Summary (Prudence/Rough Trade)