Bühne

Der Mann, der sich nicht traut

Michael Thalheimer erzählt Webers „Der Freischütz“ an der Staatsoper aus Sicht des verklemmten Jägerburschen Max

Wenn „Der Freischütz“ an einem Berliner Opernhaus Premiere hat, dann ist das immer etwas Besonderes. Die romantische Oper von Carl Maria von Weber wurde 1821 in Berlin uraufgeführt, am seinerzeit gerade neu erbauten Schauspielhaus. Sie gilt als deutsche Nationaloper, und viele Hoffnungen des Bürgertums schlummern darin. Noch heute kann im Publikum jeder den „Jungfernkranz“ mitsingen und jeder zweite den Jägerchor mitlallen. Es sind alte Berliner Gassenhauer. Obendrein geht die Handlung ja gut aus: An allem Bösen vorbei bekommt die Liebe des Jägerburschen Max zur Försterstochter Agathe eine Chance. Allerdings wollen das heutige Regisseure anders sehen. Michael Thalheimer hält die Oper gar für eine Tragödie. Tragödie? „Ja!!! Ja! Na gut. Der Schluss wirkt schon sehr utopisch“, sagt Thalheimer: „Ich teile die Hoffnung, aber ich denke nicht, dass die Gesellschaft im Freischütz bereits zu Veränderungen in der Lage ist. Samiel spielt weiterhin eine große Rolle. Das Gute und das Böse leben symbiotisch miteinander.“

Blick in einen Gewehrlauf

Der Berliner Theaterregisseur zeigt den „Freischütz“ an der Staatsoper im Schiller-Theater. Am Sonntag ist die Premiere. Wir treffen uns vor einer Probe im Foyer, zunächst zögert Thalheimer, einen Blick auf das Bühnenbild von Olaf Altmann zuzulassen. Dann gewinnt der Stolz Oberhand. Er öffnet die Tür zum Zuschauersaal. Der erste Blick macht Staunen. Das Publikum wird in einen überdimensionalen Gewehrlauf blicken, im fernen Bühnenhintergrund liegt die Mündung. Dahinter beginnt wohl die reale Welt. Die Oper dreht sich bekanntlich um einen Probeschuss. Für Thalheimer steckt da etwas Zweideutiges drin. „Es geht um einen Schuss, den Max zu leisten hat und sich nicht traut“, sagt der Regisseur und erinnert an ein Stück des Textes: „Alles Glück liegt demnach in seinem Rohr. Caspar hat sich dem Bösen verschrieben, weil er in der Vorgeschichte in einer ähnlichen Situation war.“ Womit das Männerbild der Oper schon einmal umschrieben wäre.

Thalheimer ist für seine Verdichtungen und Verkürzungen von Stoffen bekannt. Es gäbe jetzt auch extreme Striche bei den Dialogen, sagt er, um das Stück noch mehr zu verdichten, um klarer auf den Probeschuss hinzuführen. Aber Thalheimer wird keinen Ersatztext einfügen und schon gar keine andere Musik einmontieren. Die Oper soll kompakter werden, auf die Pause wird verzichtet. „Für mich als Regisseur ist es ein Geschenk, dass ich die Handlung vom ,Freischütz' in wenigen Sätzen erzählen kann“, sagt Thalheimer, „Die Geschichte ist stringent und klar. Man spürt von Anbeginn, dass es auf eine Katastrophe hinausläuft, weil jede einzelne Figur unter ungeheuerlichen Druck gesetzt wird. Misslingt der Probeschuss, darf Max nicht heiraten. Caspars Frist beim Teufel läuft ab. Agathe wird ihre Vorahnung nicht los. Sie leben in einer Zwangsgemeinschaft, in der sie mit Häme und Forderungen überschüttet werden.“

Die neue Staatsopern-Produktion gerät in Konkurrenz zur „Freischütz“-Produktion des Skandalregisseurs Calixto Bieito an der Komischen Oper. Die dortige Inszenierung ist gerade mal drei Jahre alt und setzt ebenfalls auf das Abgründige. In der Premiere irrte der durchgeknallte Max nackt umher. Wildschweine und Frauen werden gejagt. Bieito sieht in Max eine Art Rambo im finsteren Wald. „Ich entdecke keinen Rambo“, sagt Thalheimer: „Max ist das Gegenteil, er ist kein Held. Rambo versucht in seinen Filmen verzweifelt, ein Held zu sein. Bis zur Peinlichkeit, das ist sehr amerikanisch. Mein Max ist ein schwacher, verzweifelter, überforderter Mann. Von Beginn des Stückes an. Aber genau das reizt mich an der Figur.“

Schauspiel bleibt seine Heimat

An der Staatsoper ist der „Freischütz“ nach Janaceks „Katja Kabanowa“ und Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“ seine dritte Regiearbeit. In Basel kam noch „Rigoletto“, in Antwerpen „Die Macht des Schicksals hinzu. Es folgen „Die Trojaner“ in Hamburg und „Otello“ in Antwerpen. Ursprünglich war der 1965 in Frankfurt am Main geborene Thalheimer Schlagerzeuger, dann studierte er Schauspiel. Seit 1997 inszeniert er erfolgreich am Theater. Für Lessings „Emilia Galotti“ mit Nina Hoss am Deutschen Theater erhielt er 2001 den Friedrich-Luft-Preis der Berliner Morgenpost. Erst 2005 gab er mit „Katja Kabanowa“ in Berlin sein Opernregiedebüt. „Ich habe damals gesagt, alle zwei Jahre mache ich eine Oper. Das Schauspiel bleibt meine Heimat. In der Oper fühle ich mich immer noch wie ein Fremdgeher.“

Thalheimer ist als Regisseur von artifiziellen Psychogrammen geschätzt und zugleich nicht unumstritten. Literaturnobelpreisträger Günter Grass führte für seine Art der Reduktion von Stücken mal den Begriff „verthalheimern“ ein. Manche nennen seinen Stil eine Mode. Solche Kritik nimmt Thalheimer gelassen „Bei mir ist nichts kalkuliert. Ich bin an einem eigenen Stil gar nicht interessiert, ich möchte immer nur eine Geschichte erzählen“, sagt er. Im Übrigen basiere Regie immer auf Bestimmen und Anmaßung. Ansonsten bräuchte man keine. „Ich möchte, dass Sänger oder Schauspieler eine bestimmte Freiheit besitzen, sich selbst zu entdecken. Und dabei auch mal gegen eine Partitur ankämpfen.“

Dem Operngänger, der auf die romantischen Wald- und Jägerszenen wartet, gibt Thalheimer schon mal vorsorglich mit auf den Weg, dass der Wald bei Weber doch nur eine Metapher ist. „Der deutsche Wald ist eine Legende, aber er bleibt immer angstbesetzt. Wenn man in den Wald geht, begegnet man zwangsläufig sich selbst. Wer weiß schon, wer er ist? In jedem schlummern Geheimnisse.“

Staatsoper im Schiller-Theater, Bismarckstr. 110, Charlottenburg. Tel. 20354555 Termine: 18.1. (Premiere), 21., 24., 30.1.; 5., 8.2.