Theater-Kritik

Leicht und komisch: Träume vom großen Coup

Dea Lohers „Gaunerstück“ im Deutschen Theater

Meistens ist es so: Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen. Nicht bei Dea Loher. Da hat man am Ende zumindest die Hoffnung, dass das Zwillingspaar Maria und Jesus Maria es packt und seine Juwelen-Beute verticken kann. Um dann alles rauschhaft auszugeben, wie Maria sich schon zu Beginn wünscht.

Leicht und komisch ist Dea Lohers neues „Gaunerstück“, trotz schwarzer Grundierung: Der spanische Vater hat sich früh vom Acker gemacht, die Mutter wurde Alkoholikerin, beide schlagen sich mit schlecht bezahlten Jobs durch. Sie träumen vom großen Coup, aber nicht, um aufzusteigen. Sondern um des Coups, des Spaßes willen. Sympathische Loser mit entgrenzter Fantasie, denen man den Erfolg gönnt, auch wenn sie nicht gerade Robin Hood gleichen.

Am Ende fügt sich alles schicksalhaft in diesem Stück, das kaum Handlung und Dialog besitzt: Immer erzählt jemand im soghaften Loher-Sound über das Geschehen, über sich oder die anderen. Die niederländische Loher-Expertin Alize Zandwijk löst in den Kammerspielen des Deutschen Theaters die Statik auf, indem sie die Geschwister doppelt besetzt: Judith Hofmann und Fania Sorel sind Maria, die eine hart und frech, die andere gefühlsgeladen und laut, mit zärtlichem niederländischen Akzent. Hans Löw staunt seinen Jesus Maria bewundernswert ambivalent hin, Tänzer Miquel de Jong doppelt ihn als depressiven Verlierer. Alle vier sprechen den Text oft als chorische Fläche mit teilweisen Überschneidungen, was ebenso für Unschärfen sorgt wie die nur beinahe synchronen Gesten und Bewegungen, von de Jong als wildes Aufbegehren choreografiert, als Zeitlupen und Fall-Studien.

Und das in Thomas Rupperts Industrie-Halle, in der die türkisblaue Farbe blättert, sich Matratzen stapeln und zwei Waschmaschinen daran erinnern, dass die Mutter zum Schluss als Büglerin arbeitete. Jetzt holt Maria aus ihnen Laken hervor, um im Lege-Nahkampf zu wirbelnden Figuren zu finden, ein zu großer Vogel, der nicht abheben kann. Vorne hockt Musiker Beppe Costa, singt und spielt mit Cello, Gitarre und Geige einen wundersamen Sehnsuchts-Soundtrack. Als die beiden Schicksalsfiguren, Wahrsagerin Frau Bonafide und Juwelier Herr Wunder, zuckelt Elias Arens durch die Text-Landschaft, sexuelles Mischwesen hier, mechanisch-smarter Geschäftsmann da. So beginnt das Stück zu vibrieren, das beim Lesen noch allzu lyrisch wirkt. Vor allem dank der wunderbaren Schauspieler, deren ausfransende Charaktere einem ans Herz wachsen.

Mit der „Gaunerstück“-Uraufführung beginnt am Deutschen Theater der dreimonatige Schwerpunkt „Theater der Autoren“. Der wirkt wie eine Reaktion auf die Ankündigung Oliver Reeses, aus dem Berliner Ensemble ein Theater der Autoren machen zu wollen. Das sind wir schon lange, kontert das DT – und zeigt, wie ernst es die Autorenförderung nimmt. In den vergangenen fünfeinhalb Jahren hat es an den drei DT-Bühnen Inszenierungen von knapp 70 zeitgenössischen Werken gegeben – mit gemischter Bilanz. Lohers „Gaunerstück“ gehört da eindeutig auf die Haben-Seite.

Kammerspiele des Deutschen Theaters, Mitte, Schumannstraße 13a, Tel. 030 - 284 41-221. 14., 21., 22. Februar