Musik

Gereifte Herren versuchen sich am DJ-Pult

Mit „The Mix“ feiert das Kraftwerk-Quartett sich selbst

Meine erste Platte von Kraftwerk kam aus dem Plattenschrank meines Vaters. Sie hieß „Trans Europa Express“, und ich war zwölf Jahre alt. Ich erinnere mich gut an das Cover, auf dem Ralf Hütter, Florian Schneider und die anderen mir auf ähnlich ikonische Weise entgegenblickten wie die vier US-Präsidenten am Mount Rushmore. Aber was mich am meisten begeisterte, war der digitale, stark unterkühlte Sound. Es ging in dieser Musik immer auf unerhört avantgardistische und abgeklärte Weise um die Zukunft. Niemals um Vergangenheit. Das war die Idee. Kraftwerk war deshalb anders als alles, was ich kannte. Diese Musik war ein funkelnder Eisklotz. Eine tiefgefrorene Verheißung.

Und deshalb war es nicht nur für mich, sondern vielleicht auch für viele andere Zuschauer in der Nationalgalerie manchmal schwer, damit klarzukommen. Heute, im Januar 2015, wo das alles so vorbei ist. Vielleicht gab es deshalb im Publikum nur Kopfnicken und keine echte Begeisterung. Sondern nur diszipliniertes Lauschen, als würde man in sich reinhorchen auf der Suche nach den Empfindungen von damals. Ein Museum ist ein guter Ort, um diese Musik zu hören: Man muss Archäologie betreiben, um seinem alten Ich auf die Spur zu kommen.

Das heißt aber nicht, dass man es nicht mehr finden könnte. „The Mix“ war der Abend betitelt, benannt nach dem 1991 erschienenen, elften Studioalbum der Gruppe. Es war auch ein Reanimationsversuch, weil es damals still um sie geworden war. Während der Arbeiten an der Platte schied der legendäre Karl Bartos aus. Wummernde Technobeats übernahmen derweil die Kontrolle über den Zeitgeist. Im Berliner „Tresor“ tobten nächtelang die Raver, und die selbstgebastelten Computer von Kraftwerk mussten digital erneuert werden: Die Düsseldorfer wollten keine elektronischen Arrangeure mehr sein, sondern DJs. Es ging nicht mehr um die Innovation, sondern um die Variante, um das Sample. Das war keine leichte Übung, wie man vielen der Remixes heute anhören kann – sie wirken wie frisierte Utopien, wie aufgebohrte Wunschgesänge. Das machte es so schwer, sich über sie zu freuen.

Und so wollte in der Neuen Nationalgalerie auch nur dann wirkliche Begeisterung aufkommen, wenn die Klassiker unverfälscht vom Geist der frühen Neunziger zu hören waren – wenn also etwa die suggestiven Tonfolgen von „Das Modell“ erklangen, die wunderbare „Mensch Maschine“ oder „Radioaktivität“. Da merkte man auch den gereiften Herren in ihren etwas straff sitzenden Overalls auf der Bühne an, dass es sie packte. Ganz unabhängig von der mal überambitionierten, mal behutsam nostalgischen 3-D-Bebilderung ihres Auftritts: In solchen Momenten war er großartig.