Klassik-Kritik

Ein Altmeister verjüngt sich auf dem Dirigentenpult

Bange Momente in der Philharmonie. Mit langsamen Schritten tastet sich Sir Roger Norrington zum Dirigentenpult.

Vor der letzten Stufe hält der 80-Jährige inne. Er sammelt Kräfte, um den bereitstehenden Drehstuhl sicher zu erreichen. Zerbrechlich und schutzlos wirkt der Engländer in diesem Moment. Betroffen raunt das Publikum. Über Schuberts „Unvollendeter“ schwebt ein großes Fragezeichen: Hält Norrington diesen Abend durch? Leicht und mild fließt die Exposition des ersten Satzes dahin. So mild, wie man es von Norrington kaum gewohnt ist. Das Deutsche Symphonie-Orchester bietet einen Schubert im Schongang. Wie immer hat Norrington den Musikern jegliches Vibrato untersagt.

Es ist sein Erfolgsrezept seit Jahrzehnten – jener nackte Klang, der mitunter frösteln macht. Doch nicht jedes Werk vermag dadurch zu gewinnen. Im Gegenteil: Beunruhigend blass bleibt Benjamin Brittens tieftrauerndes „Lachrymae“ für Viola und Streichorchester. DSO-Bratschistin Annemarie Moorcroft klagt in gedämpftem Tonfall. Benommener Beifall hinterher. Doch der schwierigste Brocken kommt erst noch: Vaughan Williams’ Vierte Sinfonie, die sogenannte „Harte“. Unter Norrington allerdings ist von dieser Härte wenig zu spüren. Zum Glück! Triumphal und lustgeladen klingt diese Sinfonie. Und was für ein Bild: Norrington, vor plötzlichem Tatendurst vibrierend, wippt auf seinem Drehstuhl, als würde er einen Wildfang reiten. Er schwingt imaginäre Lassos, lässt effektvoll die Peitsche knallen. Hier passt der vibratolose Ton perfekt. Das DSO und Vaughan Williams’ Vierte scheinen wie geschaffen für einander. Noch bewundernswerter ist, welch ungeahnte Energien Norrington in dieser zweiten Konzerthälfte mobilisiert. Seine 80 Jahre scheinen nahezu auf die Hälfte herunterzuschmelzen, wenn Vaughan Williams in ihn fährt.

Es ist Norringtons großes Projekt mit dem DSO: sämtliche Sinfonien seines Landmanns zu erarbeiten. Fünf Sinfonien sind jetzt noch übrig. Williams’ 6. Sinfonie will er am 10. Juni in Berlin aufführen. Notfalls wird er sie wohl – wie es Kurt Masur, 87, kürzlich praktizierte – im Rollstuhl dirigieren.