Musiktheater

Ein Typ zum Verlieben

Das Filmmonster berührt die Herzen: Die unverwüstliche Geschichte „Shrek“ läuft als Musical im Admiralspalast

Eigentlich ist es ein Himmelfahrtskommando: Wie soll aus dem großen, grünen Filmmonster eine Musicalfigur werden? Shrek hat einen bulligen Unterkiefer, eine flache Stirn und Trompetenohren. Sein watschelnder Gang und sein verschmitztes Lächeln sind durch den Film weltbekannt. Was soll das Theater da noch hinzufügen? Den Kampf mit dem feuerspeienden Drachen gab es schon.

Doch was im Film als Actionroutine durchgeht, ist auf der Bühne ein atemberaubender Effekt. Der Drache ist eine riesige Puppe, die von drei Darstellern bewegt wird, im Zauberwald stehen riesige alte Bäume und der Turm, in dem Prinzessin Fiona gefangen gehalten wird, ragt hoch in den Himmel hinein. Das Bühnenbild ist eine Wucht. Plastische Kulissen stehen vor einer LED-Wand, auf der Bilder zu sehen sind, die wirklich dreidimensional wirken – Sonnenblumenfelder, ein gotisches Kirchenschiff, ein Burggraben, aus dem glühende Lava nach oben spritzt.

Ein Heer von Märchenfiguren

„Wir haben lange daran gearbeitet, dass man die Übergänge zwischen den wirklich vorhandenen Bühnenbildteilen und dem Filmprojektionen nicht erkennt“, erklärt die Stage-Managerin Alex Edwards. „Mit Hilfe von Licht und Bühnennebel kann man einiges machen.“ Die Illusion ist perfekt. Räume, Kamerafahrten, Explosionen. Alles lässt sich darstellen.

Doch das allein macht natürlich noch kein Musical. Die Amerikanerin Jeanine Tesori hat für das Stück wunderbare Songs geschrieben – jazzig, rockig, emotional und frech. Das Finale greift den Partyhit „I’m A Believer“ von den Monkees auf. Dann tanzt ein Heer von Märchenfiguren über die Bühne – Mäuse steppen, der Froschkönig springt Salto und Schneewittchens Zwerge wippen im Takt – was das Stück wirklich stark macht, ist aber die Geschichte.

Der Oger Shrek, den alle nur als Monster sehen, hat viele menschliche Züge. Er ist ein missmutiger Einzelgänger, so lange er die Ablehnung der anderen spürt, doch als er auf den geselligen, ständig daher plappernden Esel trifft, taut er auf. Er will kein Held sein und wird es trotzdem. Am Ende verliebt er sich sogar. „Es gibt nur wenige Musicalfiguren, die so eine reiche Palette an Gefühlen zeigen dürfen“, schwärmt Shrek-Darsteller Andreas Lichtenberger. „Wenn er ein Mensch wäre, würde man das kitschig finden, doch bei einem Oger, der plump und tapsig aussieht, wirkt es toll.“ Auf der Bühne trägt Lichtenberger Plateauschuhe und einen dicken Wattebauch. Sein Gesicht verschwindet hinter einer grünen Silikonmaske, die Hände stecken in grünen Gummihandschuhen. Er sieht dem Film-Shrek verblüffend ähnlich.

Dass er trotzdem lachen, zwinkern und auch singen kann, ist eine maskenbildnerische Meisterleistung. „Die Maske besteht aus fünf Teilen, die miteinander verklebt sind und sich bis in die Falten hinein meinem Gesicht anpassen“, erklärt Lichtenberger. „Das gab es in der Broadway-Produktion nicht.“ Die Amerikaner verwendeten eine Komplettmaske, die die Mimik relativ starr erscheinen ließ. Der Original-Shrek musste Gefühle mit Händen und Füßen ausdrücken. Lichtenberger kann sein Gesicht benutzen. Er grinst, spielt mit seinen trompetenförmigen Shrek-Ohren, runzelt die Stirn. Eine Herausforderung bleibt das Kostüm aber trotzdem. „Ich habe nicht nur die Maske, sondern auch die ausgepolsterten Beine und den Bauch. Wenn ich dann auf der Bühne singe und tanze, wird mir extrem heiß.“

Und dieses Problem kennen auch die anderen Darsteller. Andreas Wolfram als Esel steckt in einem dicken Zottelfell. „Es dauert nur ein paar Minuten, dann beginnt der Puls zu rasen. Ich habe früher bei ,Starlight Express‘ mitgespielt, wo wir die ganze Zeit Rollschuh laufen mussten. Das war weniger anstrengend.“ Doch auch Wolfram ist von seiner Rolle begeistert. „Der Esel ist ein witziger Typ, der einen coolen Spruch nach dem anderen bringt, aber er ist keine oberflächliche Figur. Im Grunde ist er ein Außenseiter, wie Shrek. Und es gibt auch Szenen, wo ich das zeigen kann.“ Auf der Bühne läuft der Esel auf zwei Beinen, wodurch er ohnehin schon etwas menschlicher erscheint als der Esel im Film. Einen hoppelnden Gang und Schlappohren hat er aber trotzdem.

Weltweit auf Tournee

Das Shrek-Musical hatte 2008 am Broadway Premiere und ging danach weltweit auf Tournee. Seit ein paar Jahren vergibt die Produktionsfirma DreamWorks Theatricals Lizenzen für Neuinszenierungen. Das hat dem Erfolgszug des Musicals neuen Auftrieb verliehen. Es gibt Shrek-Versionen in London, Spanien, Brasilien und in vielen anderen Ländern. Und nun auch in Deutschland.

Die Inszenierung von Andreas Gergen (der in Berlin schon „Pinkelstadt“ und „Die Drei von der Tankstelle“ herausbrachte und an Großproduktionen, wie „Der Schuh des Manitu“ und „Ich war noch niemals in New York“ mitwirkte) hatte im Oktober in Düsseldorf Premiere. Das Publikum und die Presse reagierten euphorisch – und das zu Recht.

In der Inszenierung wird nicht nur perfektes Entertainment geboten, sondern auch starkes Theater. Die Figuren sind lebendig, die Dialoge pointiert und der Rhythmus von lauten und leisen, witzigen und nachdenklichen Momenten setzt das Tüpfelchen aufs i. „Oger sind wie Zwiebeln“, versucht Shrek dem Esel zu erklären. „Sie haben Schichten.“ Und so könnte man auch die Inszenierung beschreiben. Mal wird gekalauert, mal tiefenpsychologisch gestichelt, mal ist Shrek ein Comic-Monster, das mit seinen stampfenden Füßen die Wände wackeln lässt, mal ein Liebhaber, der mit hängenden Schultern von der Bühne schleicht.

Für den musikalischen Drive sorgt eine Band, die sich in einem Container hinter der Bühne befindet. „Man sieht die Musiker zwar nicht, aber sie tragen wesentlich zur Energie der Show bei“, sagt Alex Edwards. „Jeder Abend hat sein eigenes Tempo. Die Akteure müssen wach bleiben, um ihre Einsätze nicht zu verpassen.“ Auch das gehört zum Erfolgsrezept. Nach drei Monaten Spielzeit ist die Produktion frisch wie am ersten Tag. Berlin kann den grünen Teppich ausrollen – für den sympathischen grünen Oger und seine shrektakuläre Show.

Admiralspalast, Friedrichstr. 101, Mitte. Tel. 01805-2001. 17. bis 31. Januar.