Kunst

Höllensturz in Friedrichshain

| Lesedauer: 7 Minuten
Gabriela Walde

Früher malte er schöne Jungs, nun explodieren seine Bilder: Ein Besuch im Atelier des Malers Norbert Bisky

Eigentlich ist hier immer Party, die Bars verkaufen Cocktails wie „Fünf Tote am Waldrand“, 4,50 Euro der Drink. Viele Läden an der Boxhagener Straße öffnen gar nicht erst vor 12 Uhr, und älter als 27 ist im Friedrichshainer Kiez sowieso keiner. Irgendwo zwischen Schildern für eine Naturheilkundepraxis und einer Schule für Kampfsport liegt der Eingang zu Norbert Biskys Atelier.

Der Farbsortierer

Die Klotür macht Eindruck. Ausgerechnet dort hängt Gerhard Richter – besser gesagt seine „Betty“, als Poster. Humor der besonderen Art für den großen Meister der Malerei. Unten im Hinterhof lärmen Kinder. Und hier im Atelier könnte man mühelos Schlittschuh laufen, so groß ist das Fabrikloft mit den 400 Quadratmetern. In der Mitte steht ein speckiger, orangefarbener Stuhl auf Rädern, der Thron des 44-jährigen Malers. Mit dem saust Norbert Bisky von einem Bild zum anderen, um zu schauen, ob alles stimmig ist. So, wie er es sich eben vorstellt.

Soll mal einer sagen, Künstler sind chaotisch. Bei Bisky, Sohn des verstorbenen Linke-Chefs Lothar Bisky, sind die Farben nach Farbfamilien auf Rollwagen geordnet. Fein getrennt, damit sie sich nicht „gegenseitig kontaminieren“. Rot-Orange steht am Fenster, Beige-Braun am Eingang, hinten schimmert es herrlich blau-grün. Allein fünf verschiede Blautöne sind in Plastikschalen gemischt. An der Wand hängt eine Minigitarre mit einer Herrenunterhose von Banana Republic. Jeder Bisky-Besucher macht hier seine eigenen Entdeckungen.

Die letzten Monate hat er intensiv gearbeitet, für die erste große Überblicksausstellung, gezeigt wird sie in der Kunsthalle Rostock. 80 Werke: mehr Bisky denn je. Er, der Malerstar aus Berlin, bekommt gleich ein ganzes Stockwerk allein. Und den Lichthof dazu. In Rostock ist man stolz auf die Schau. Die Quersumme seiner Kunst: von 2003 bis heute, wobei der Schwerpunkt auf den letzten Jahren liegt. Bevor die Bilder abgeholt wurden, lehnten sie an den Atelierwänden. Mit dem Maler-Thron hat Bisky die einzelnen Leinwände „abgerollt“, um sie abzusegnen. In Berlin wird er ab 26. März nachziehen im Bötzow Berlin – mit brandneuen Großformaten.

Seine Bilder haben oft seltsame Titel wie „Antropofagia“. Er sucht sie sorgfältig aus, der Klang, erzählt er, muss zum Werk passen. Manche Titel hat er schon im Kopf, noch bevor es überhaupt das Gemälde gibt. Dazu gehört „Quasar“. Bisky hörte im Autoradio einen Bericht über diese Galaxien, danach ging ihm dieser Begriff halt nicht mehr aus dem Kopf. Jedenfalls hat er eine ganze Liste abgespeichert, „voll mit tollen Titeln“. Die mag er nicht verraten, „ich muss die Energie zusammenhalten“. Und schließlich „führen Bilder auch ihr Eigenleben“.

„Zentrifuge“ heißt die Schau, das passt ziemlich gut. In seinen Bildern ist alles in Bewegung, sie sind ein einziger Wirbel. Wenn man draufguckt, könnte man eine Beruhigungspille gebrauchen. Es ist so, also ob man Figuren, Objekte und Farben in einen Turbomixer steckt, auf höchste Stufe stellt, und schaut, was herauskommt. Da knallt alles durcheinander, eine Holzhütte, ein abgerissener, blutiger Männerkopf, ein Jüngling fällt vom Himmel. Ein nackter junger Mann versucht sich in ein Boot zu retten. Unten und oben sind nicht genau auszumachen – die Welt ist aus den Fugen. Apokalypse pur. Irgendwie muss man an Rubens „Höllensturz der Verdammten“ denken. Moderne Metaphysik.

Vor einigen Jahren, 2008, erlebte Bisky im indischen Mumbay einen Terrorangriff auf das Hotel „Taj Mahal“ mit. Sein Galerist war betroffen. So eine Zerstörung hinterlässt Spuren. Das beeinflusst durchaus das Sujet, sagt Bisky. Es gibt kein Ganzes mehr, stattdessen Auflösung, Grenzverschiebungen, Verwischung. Alltagskultur, Religion, Internet – Bisky weidet alle Quellen aus, die er für sein irres Universum braucht.

Sein Stil hat sich verändert, nicht nur die Farben. Vom Figurativen dreht es sich vieles in seinen Bildern ins Abstrakte. Bilder wie „Antropofagia“ (2013) wirken wie zusammengesetzte Farbpuzzle. Ob er mal ganz abstrakt malen wird? „Ich habe nicht die Einstellung“, sagt Bisky, „dass ich meinen Stil ,verwalte‘, nach dem Motto: Das ziehe ich durch bis ans Ende der Tage. Ich mache eher Türen auf, und gucke, was dahinter passiert.“ Letztes Jahr packte ihn das Theaterfieber, da entwarf er das Bühnenbild für das Staatsballett, das im „Berghain“ kreiste. Der Mann im karierten Hemd schwärmt vom „Berghain“-DJ Henrik Schwarz, mit dem er da zusammen gearbeitet hat. Bei solchen Leuten, da bleibt der „Kopf offen“. Er habe sich, erzählt er, von der Malerei zur Installation und in Richtung Musik bewegt. „Der Prozess ist offen“. Und mit anderen Künstlern zusammenzuarbeiten, sei halt ganz anders als allein im Atelier.

Malerei bleibt dennoch sein „Zentrum“. Auch nach vielen Glaubenskriegen sei sie nach wie vor ein „tolles Medium“. Mach aber einen Rahmen um die Bilder, raten ihm Galeristen. Gerade das findet er blöd, weil seine Motive aus dem Bildraum hinausknallen, da gibt’s einfach keine Grenzen. Das sind Bildbomben, die Farbberge explodieren lassen.

Ateliertausch in Tel Aviv

In frühen Bildern dominierten künstliche Töne, Farben satt, ein flammendes Gelb, Rot, Blau. Da tummelten sich junge, schöne, blonde, nackte Knaben, wahlweise am Wasser, in der Sonne, unter Palmen. Vor einigen Jahren dunkelte sich dann alles ein, ein dramatischer Höllensturz à la Bisky. Damit scheint es vorbei. Die Farben sind nun wieder viel heller, gehen teilweise hinein ins Pastell. „Ich wollte nicht der finstere Typ sein“, meint Bisky. „Ich habe eine große Freunde an Farben. Schönheit, Sinnlichkeit spielen eine große Rolle.“ Grau jedenfalls mag er im Moment nicht.

Er schleppt einen Kunstkatalog an mit Werken von Jacopo Carucci, einem italienischen Künstler des Manierismus. Die pralle Farbigkeit, das fasziniert ihn. 500 Jahre alt sind sie – und die Gemälde leuchten noch immer. In den nächsten Tagen wird Norbert Bisky für einige Monate nach Tel Aviv fliegen, Ateliertausch mit einem israelischen Künstler. Mal sehen, wie die Farben nach seiner Rückkehr sind.