Literatur

Glück der Unterwerfung

| Lesedauer: 7 Minuten
Tilman Krause

Buch zum Attentat: Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ über den Siegeszug des Islams

Der alte Satz behält unverändert seine Wahrheit: Bücher haben ihr Schicksal. Das Schicksal dieses Buches ist es, dass man es im Lichte der schrecklichen Ereignisse vom 7. Januar 2014 anders lesen wird, als sein Verfasser es konzipiert hat. Was bleiben wird: Sein neuer Roman „Unterwerfung“ ist eine fantasievolle, witzige, um nicht zu sagen aberwitzige Arbeit.

Der Islam gilt Houellebecq nur als eines von vielen Objekten der Persiflage – und kommt noch am besten weg. Bitteres, tragisches Missverständnis der Rezeption: Die Pariser Attentate, die auch Houellebecq und sein Buch treffen wollten, das an diesem Tag in Frankreich ausgeliefert wurde, reagieren auf eine literarische Fantasie, in der sich der Held freiwillig, wenn auch aus nicht ganz uneigennützigen Gründen, zum Islam bekehrt, einem moderaten Islam, wie er von einem fiktiven muslimischen Präsidenten der französischen Republik des Jahres 2022 verkörpert wird.

Wie hoch man immer die satirischen Anteile von „Unterwerfung“ veranschlagen will, im Kern ist das Buch etwas anderes: Es bezeichnet einen Durchbruch im Schaffen Houellebecqs. Das Ende des Tunnels, um eine Formulierung des Autors aufzunehmen. Der eine lange Vorgeschichte besitzt. Was hat sich Houellebecq nicht alles ausgedacht, um zu zeigen, wie das angeblich so abgewirtschaftete Abendland, das darniederliegende Frankreich, der dahinvegetierende westliche Mensch erlöst werden kann.

Ultimative Lösung

Er hat ja eigentlich literarisch nie etwas anderes gemacht, als seinem Verlangen nach Erlösung Ausdruck zu geben. In „Elementarteilchen“ war es der genetisch manipulierte neue Mensch, der irgendwann im 21. Jahrhundert endlich, endlich durch Abschaffung des sexuellen Begehrens den alten Adam befreien sollte. Oder „Plattform“. Was gab sich Houellebecq da nicht für eine Mühe, um das moderne Individuum, nun ganz im Gegenteil, durch die „lebensfrohe Religion“ jenes „Aphrodite-Projekts“ selig zu machen, mit dem er „Sex für alle“ durch gefügige Asiatinnen als Heilmittel ausfantasierte. Aber irgendwie funktionierte das alles nicht. Für den geklonten Menschen gab es erst in ferner Zukunft und bei erheblicher Verbesserung der Gentechnik eine Chance. Und dann war der asexuelle Mensch auch keine gar so attraktive Vorstellung. Und was die fernöstlichen Sexcamps anging, so tobten aufgebrachte Islamisten ihre Zerstörungswut an diesen hedonistischen Asylen aus.

Aber jetzt! Jetzt hat Houellebecq die ultimative Lösung gefunden. Und sie lag so nahe. Man musste sich nur die politische Landschaft in Frankreich etwas näher anschauen. Man brauchte nur das sich abzeichnende Auseinanderbrechen der 5. Republik ein wenig hochzurechnen. Und schon hatte Houellebecq, oder doch der Held seines neuen Buches, der Literaturwissenschaftler François, die Formel. Die Formel, die da lautet Konversion. Unterwerfung unter den Islam.

Aber damit ja nicht genug. Nicht nur François, dieses labile, latent depressive, sexuell frustrierte, ungeliebte arme Würstchen darf endlich sein Gehirn an der Garderobe der muslimischen Bruderschaft abgeben. Nein, ganz Frankreich kommt in den Genuss einer neuen Ordnung, in der die alten Werte – Familie, Moral, Patriarchat – wieder aufgerichtet werden. Dank eines charismatischen, moderat muslimischen Politikers namens Ben Abbès. Der setzt all das ins Werk, was die tumben Rechten unter Marine Le Pen nicht vermochten. Und dabei wird er auch noch unterstützt durch die „republikanische Front“ der hilflosen herkömmlichen Parteien.

Ein paar Dinge nerven jetzt François ganz schön im neuen Frankreich. Überall plärrt einem diese krude arabische Musik entgegen. In der Öffentlichkeit sieht man kaum noch sexy angezogene Frauen. Überhaupt verschwindet das weibliche Element aus dem gesellschaftlichen Leben, und so allein mit lauter Kerlen kann es auf die Dauer ganz schön öde sein. Dagegen ist das ewige Halal-Food, das einem in Kantinen, Zügen, Restaurants vorgesetzt wird, schon fast eine lässliche Störung, an die man sich schnell gewöhnt. Denn man muss natürlich auch die Gegenrechnung aufmachen. Was gewinnt man nicht schließlich alles unter der Herrschaft des Islam.

Hier beweist sich tatsächlich der ganze Aberwitz des Autors Michel Houellebecq. Die vordergründige Skandalisierung, die dem Erscheinen des Romans vorausgegangen war, begreift den Roman als apokalyptische Angstvision. Aber Houellebecq macht keineswegs Panik. Was er in seiner Hexenküche anrichtet, ist vielmehr ein stark gepfeffertes Menü, das uns in überwältigender Weise daran erinnert, dass Literatur freies Spiel der imaginativen Kräfte ist. Ausgeburt einer ganz speziellen Magie, zu der sich aufwirft, wer sich als literarischer Demiurg versteht. Wenn er dabei ein Mann vom Kaliber Houellebecqs ist, macht er sich allerdings noch den zusätzlichen Jux, aktuelle Debatten zu berühren, indem er sie mit einem Höchstmaß an Verletzung gängiger Denkverbote munter durcheinanderwirbelt.

Im Grunde geht es um die Lehre, die der neue Präsident der nunmehr „Islamischen Universität Sorbonne“ dem Helden dieses Buches bei seinem Versuch, ihn wieder als Hochschullehrer zu gewinnen, so formuliert: „Der Gipfel des menschlichen Glücks besteht in der absoluten Unterwerfung.“ Und François, der nicht von ungefähr ein Spezialist für den Décadence-Dichter Joris-Karl Huysmans ist, der von 1848 bis 1907 lebte, François also ist als Alter Ego Michel Houellebecqs bestens dafür präpariert, diese Lehre zu akzeptieren und zu verinnerlichen.

Denn, um noch einmal auf die Gegenrechnung zu kommen: Dank der reichen Saudis, die viel Geld in die Hand nehmen, um die französischen Bildungseinrichtungen zu islamisieren, soll François, seine Konversion vorausgesetzt, dreimal so hohe Bezüge erhalten wie bisher. Überhaupt wird Erziehung bei den Muslimen großgeschrieben. Natürlich nur für Männer, Frauen werden zurück an den Herd geschickt. Das hat aber für einen Macho wie François auch seine Vorteile, zumal man nun mehrere von ihnen heiraten kann, die sich dann als sexuelle und/oder gastronomische Dienstleisterinnen bewähren dürfen. Und das Schönste: Man muss sie nicht mal mehr erobern. Durch die Wiedereinführung der guten, altislamischen Einrichtung der Heiratsvermittlung erledigt die Frauenbeschaffung jemand anderes, wobei allerdings die Gehaltsklasse des Freiers eine entscheidende Rolle spielt: Viel Kohle, viele Frauen.

Wozu diese Selbstbestimmung?

Darum: „Fuck you, autonomy“, ruft der Held am Ende fröhlich aus, was soll die blöde Selbstbestimmung, der ganze Zirkus mit der liberalen Sexualität, die doch auf die Dauer nur einsam und unglücklich macht. Zugegeben, diese Utopie trägt regressive, um nicht zu sagen pubertäre Züge. Auch darin bleibt Houellebecq sich treu. Seine Bücher sind immer auch krude Männerfantasien. Doch wie er sie hier amalgamiert mit Scherz, Satire, Ironie im Hinblick auf Frankreichs Zustände, um alldem die tiefere Bedeutung einer Erlösungsfantasie zu geben, das macht „Unterwerfung“ zu einem grandiosen Buch.

Michel Houellebecq Unterwerfung. Aus dem Französischen von Norma Cassau und Bernd Wilczek. Dumont, Köln. 278 Seiten, 22,99 Euro