Konzert

Die Schönheit der Wiederholung: Kraftwerks Techno-Expresse

| Lesedauer: 3 Minuten
Alexander Gumz

„Trans Europa Express“ in der Neuen Nationalgalerie

Ist es überhaupt ein Konzert? Waren Kraftwerk nicht seit je eher ein Kunstprojekt als eine Band? Und spielen sie am Donnerstag nicht zum dritten Mal in Mies van der Rohes Neuer Nationalgalerie, einem dieser Horte der Höchstkultur? Ja. Und: nein.

Zwar betreibt Ralf Hütter, das einzig verbliebene Gründungsmitglied, seit Jahren konsequent die eigene Klassiker-Werdung: Immer neue, besser klingende, einheitlicher verpackte Editionen des Werks kommen auf den Markt, handverlesener sind die Auftritte. Andererseits: Was passiert, sobald Kraftwerk auf der Bühne durch ihre eigene Geschichte fliegen, ist sehr wohl ein Ereignis, das nicht einfach technisch reproduziert werden könnte.

Ein musikalisches Gesamtkunstwerk also: Das fängt an bei der Nationalgalerie selbst, ihrem reduzierten, seriellen Design, einem Raum, den man grundsätzlich in jede Richtung erweitern könnte. So funktioniert auch die Musik von Kraftwerk ihrem Ideal einer unendlichen Melodie als Gegenstück zur sich pausenlos transformierenden Natur. Klingt erst mal abwegig, doch ein Stück auf dem Album „Trans Europa Express“ heißt nicht umsonst „Franz Schubert“. Dessen 8. Symphonie muss immer wieder herhalten als Beispiel für Melodiebögen, die sich im Prinzip unendlich lang fortspinnen könnten. „Musique Non Stop“ eben. Oder: „Endlos Endlos“. Das war es wiederum, was Juan Atkins, Derrick May und Co. in Detroit an Kraftwerk begeisterte. Was da Anfang der 80er-Jahre aus dem komischen Deutschland zu ihnen rüberfunkte, kam ihrer eigenen Idee von Maschinenmusik ziemlich nahe. In Reihe geschaltete, sich unterhaltende Geräte. Die Schönheit der Wiederholung. Sie nannten es: Techno.

Und so spielen Kraftwerk ihre Musik an diesem Abend in Berlin auch: „Industrial Rhythms“, die ebenso gut im Berghain laufen könnten. Es beginnt mit dem Material des Albums „Trans Europa Express“ von 1977, einer Platte, die aufreizend schwebt zwischen den krautrockigen Anfängen der Band und ihrer Stilisierung zum knappen Elektropop. Schnell jedoch biegen sie ab zu anderen Klassikern: „Computerwelt“, „Tour de France“, „Autobahn“, „Techno Pop“. Am besten klingen die Tracks, die sich am weitesten von Songstrukturen entfernen: „Nummern“ etwa, oder „Radioaktivität“ mit fetten Subbässen, und das Titelstück des Albums. Die grooven, puckern und zecken mit zeitloser Eleganz. Dazwischen stehen Stücke wie „Spiegelsaal“, mit expressionistischer Romantik,, oder „Ätherwellen“, dessen Intro klingt, als hätte es Robert Schumann auf dem Mars geschrieben. Da singt Hütter plötzlich voll Inbrunst in sein Headset und sieht für ein paar Sekunden aus wie Dietrich Fischer-Dieskau.

Einen Großteil des Charmes machen die teils analog-nostalgischen, teils retro-futuristischen Projektionen aus. Da werden mit viel Kunst und Rechnerleistung die Designwelten der Plattencover und Videos animiert. Bei „Autobahn“ schwelgen sie in alten VW- und Mercedes-Modellen, die durch eine leere Hügellandschaft fahren. Zu „Das Model“ wird Schwarz-Weiß-Material von Nachkriegsmodenschauen gezeigt, eine angenehm unterkühlte Erotik. Dann löst sich ein UFO, direkt aus einem billigen 50er-Jahre-Film entflogen und landet vor der Nationalgalerie. Natürlich nur auf der Leinwand.

Da ist sie wieder, diese Nostalgie für die Zukunft, wie sie uns ausgemalt wurde von Jules Verne bis zu „Back To The Future“, und wie sie noch immer nicht eingetreten ist. Und draußen, vor den hohen Glaswänden der Nationalgalerie, leuchtet der Potsdamer Platz, als hätten Kraftwerk ihn sich ausgedacht.