Serie: Kraftwerk

Mit „Radio-Aktivität“ kommt Leben in Kraftwerk

In der Neuen Nationalgalerie spielt die Band Musik über eine bessere Zukunft

Dieser Abend verspricht zu werden wie kein anderes Berliner Konzert von Kraftwerk. Denn auf dem Programm steht das Album „Radio-Aktivität“. Im elektronischen Gesamtwerk der rheinischen Technik-Nerds ist es das verschrobenste.

Von Anbeginn sausen und flirren Synthie-Sounds durch die Kunsthalle wie Botschaften aus dem All. Der Gesang Ralf Hütters klingt fern, schwebend. Es ist, als lausche man fremden Gedanken. 1700 Zuschauer mit 3D-Brillen wähnen bei „Ätherwellen“ schwingende Linien vor ihrem Gesicht. Zum Greifen nah. Bei „Radioland“ wird nicht der Volksempfänger vom ursprünglichen Platten-Cover von 1975 gezeigt. Statt dessen dreht eine riesige Hand am Rad eines Tastenradios aus der frühen Bundesrepublik. Auf der Frequenzanzeige liegen dort „Rias Berlin“ und „Freies Berlin“ neben „BBC“ und „Paris“.

Die Album-Songs heißen „Transistor“ oder „Die Stimme der Energie“. Es sind Liebeserklärungen an die Technik, an neue Möglichkeiten und den Erfindungsreichtum. Man darf heute nicht vergessen: In den 70er-Jahren mussten Keyboarder in der Lage sein, gekonnt den Lötkolben zu führen. Zu wissen, wo im Bausatz der Cinch-Stecker und im Song der Mittelteil hinkommt, war gleich wichtig.

Die zunehmende Technisierung des Alltags war damals allgegenwärtig. Atomkraft war Symbol dieser still surrenden Revolution. Für Spät-Hippies mit rot-schwarzem Che-Guevara-Plakat in der WG waren Kraftwerk, die wie singende Bürovorsteher aussahen und ihre Musikarbeit gleich Atom-Ingenieuren mit Tasten und Hebeln verrichteten, natürlich Dämonen in Designer-Anzügen.

Dass „Radio-Aktivität“ eine Hommage an die Freuden sauberer Energiegewinnung sei, war ein weiterer Irrtum. Vielmehr hatten Kraftwerk bei ihrer USA-Tour in einem Musikmagazin die Überschrift „radio activity“ gelesen, darunter die Charts der meistgespielten Stücke. Die Doppeldeutigkeit des Begriffs nutzte die Band, um über das Miteinander von Kunst und Alltag, von Musik und Lebensgefahr zu erzählen. Pop-Art made in Düsseldorf.

Mixen mit geschlossenen Augen

Das einst poppige Titelstück von „Radio-Aktivität“ klingt in der Neuen Nationalgalerie wie Techno. Veteranen der Clubszene aus den Nachwendejahren begrüßen den Song wie einen Partywagen der Love Parade. Auch in die Band kommt plötzlich Leben. Mit geschlossenen Augen wie ein Prog-Rocker mixt Ralf Hütter in „Heimcomputer“ die Sounds. Kollege Fritz Hilpert fegt über die Tasten und schiebt die Elektroklänge von links nach rechts und quer durch den Saal.

Während ein 3D-Spacelab vor einer Projektion der Neuen Nationalgalerie landet, spielt Hütter eine Melodiefigur und lässt prompt einen falschen Ton vernehmen. Bei „Music Non Stop“ schließlich – Kraftwerk-Puristen müssen jetzt ganz stark sein – klatscht Hütter vor Verzückung in die Hände. Mit 68 Jahren hat man wohl irgendwann keine Lust mehr, sich von der Kritik ständig vorwerfen zu lassen, auf der Bühne immer nur doof herumzustehen.

Nach den acht Berliner Konzerten wird die Aufführung von „Radio-Aktivität“ als ein sehr menschlicher, als poetischer Abend in Erinnerung bleiben. Es ist Musik aus den jungen Jahren von Bill Gates und Steve Jobs. Das klingende Versprechen einer besseren Zukunft durch die Harmonie von Mensch und Technik. Die Musik fasziniert noch immer. Aber ihr Versprechen wurde nie eingelöst.