Autobiographie

Belustigungen über das Leben

Symmetrisch ist hier nichts: Theodor Fontane erinnert sich an seine jungen Jahre

Am Nachmittag des 8. Dezember 1845 erhält Theodor Fontane einen Brief – in Dreiecksform, geschrieben in „ungemein zierlichen aber etwas schulmäßigen Buchstaben“. Die dem Leser bis dato unbekannte Verfasserin, Emilie Roaunet, bittet Fontane darin, ihr aus einer Verlegenheit zu helfen. Sie wolle den Nachhauseweg von einem Fest nicht alleine antreten, deswegen solle ein anderer sie zu der Apotheke in der Friedrichstraße begleiten, in der Fontane arbeitet, und er könne dann den Rest des Weges bis in die Oranienburger Straße, bei der Post, übernehmen. Ihr Vorschlag ist zwar von einer charmanten Aufdringlichkeit, nichts aber bereitet den Leser darauf vor, was auf diesem Spaziergang passieren wird: Kurz vor der Weidendammer Brücke kommt Fontane der „glücklichste Gedanke seines Lebens“. Und als die beiden die Brücke überquert haben, da sind sie verlobt.

So wie diese Geschichte seiner plötzlichen Liebe sind viele in Theodor Fontanes autobiografischem Werk „Von Zwanzig bis Dreißig“ (erschienen 1898). Kleine Porträts überraschen den Leser mitten in einer Erzählung, in der es eigentlich um etwas ganz anderes ging, Beobachtungen drängeln sich zwischen Aufzählungen, Episoden aus Fontanes Leben mischen sich mit Gedanken über seine dichterischen Zeitgenossen. Manche Szenerien erscheinen einem wie ein Romanbeginn, und man ist fast enttäuscht, wenn man die Protagonisten und Lokalitäten wieder verlässt, wie zum Beispiel das Berliner Haus seines angenehm windigen Onkel August, der Opernarien singt, Pudel springen lässt und auf Pump lebt, oder das Haus des Apothekers Neubert in Leizpig, mit der vornehmen Frau und der reizenden Tochter, wo er in der Doktorenbörse erste Freundschaften mit Dichtern schließt.

„Alles modern Patente“, schreibt der Autor, „ist mir von jeher unausstehlich oder mindestens sehr langweilig gewesen, während alles Krumme und Schiefe... von Jugend auf einen großen Reiz auf mich ausgeübt hat. Nur keine linearen Korrektheiten, nur nichts Symmetrisches oder Blankpoliertes.“

Fast ein Revolutionär

In diesem Sinne wird der Leser des dicken Bandes, der jetzt in einer neuen Auflage mit einem ausführlichem Anmerkungsapparat von den Herausgebern Gabriela Radecke und Heinrich Detering sowie der Theodor-Fontane-Forschungsstelle der Universität Göttingen beim Aufbau Verlag erscheint, nicht enttäuscht. Symmetrisch ist hier nichts, zumindest nichts von dem, das aus Fontanes Feder stammt.

Theodor Fontane (geboren 1819 in Neuruppin, gestorben 1898 in Berlin) hat diesen zweiten Teil seiner Autobiografie im hohen Alter verfasst. Der Ruhm, der lange nicht do recht über die Grenzen Brandenburgs und Berlins hinaus kam, hatte sich endlich im ganzen deutschsprachigen Raum verbreitet. Fontane war anerkannt und geschätzt, er wurde als Dichter wie als Romanautor verehrt. Ein durchaus gefährlicher Moment im Leben eines Künstlers. Leicht könnte man da in Eitelkeiten verfallen und in Erzählungen rückblickend die Jugend so darstellen, als habe sich gerade in den kleinen Nichtigkeiten schon einer der größten deutschsprachigen Schriftsteller angekündigt. Mit großen Zeitgenossen wie Theodor Storm, die seinen Weg kreuzten, hätte er prahlen können. Oder mit seinen Taten an einem der wichtigsten Momente der deutschen Geschichte, am 18. März 1848, den der Schriftsteller in Berlin erlebte.

Aber das Blankpolieren, wie Fontane selbst so schön sagte, ist nicht seins. Als der Vater ihn am 20. März 1848 in Berlin besucht, um die historischen Ereignisse mit eigenen Augen zu sehen, da erklärt ihm der Sohn: „Ich bin ja so gut wie ein Revolutionär und habe das Königstädtische Theater mitstürmen helfen...“ –„Wurde es denn verteidigt?“ -–„Nein. Beinah das Gegenteil. Aber ich war doch mit dabei.“ Und doch ist es nicht so, als habe der junge Fontane die Größe der Ereignisse nicht im Blick. Nur liegt ihm eben nichts am Staatstragendem. Unter ungeheurem Jubel der Passanten sehen Vater und Sohn später den König heranreiten und sie hören sein Bekenntnis zur Demokratie. Doch Fontane deutet in der kleinen Szene an, was von diesen Bekundungen zu halten sei. „Es hat doch ein bisschen was Sonderbares ... so rumreiten“, sagt der Vater. Und dann gehen beide zu Puhlmanns Kaffee trinken.

Häufig begleiten wir den heranwachsenden Autor durch seine Streifzüge durch Berlin Mitte des 19. Jahrhunderts in Nebenschauplätzen. Durch die Oranienburger Straße bis hin „zu Liesens“, wo der Onkel eine „Sommerfrische“ nahm (aufgrund der Entfernung probiert der bei ihm lebende Neffe übrigens, ob man nicht auch ein, zwei Stunden pro Tag Schule ausfallen lassen könne, „was sehr gut ging“, sodass schließlich ganze Schultage komplett verbummelt werden), Unter den Linden herunter, wo man den König treffen konnte, oder durch die Münzstraße, wo Künstlerfreunde die Nächte durchtrinken und schon mal Passanten um das dafür nötige Geld angehen.

Die Idee zur eigenen Biografie war eine ärztliche Verordnung. Nach einer Erkrankung im Jahre 1892 war Fontane in eine Depression verfallen. Das Schildern seiner „Kinderjahre“ (erschienen 1894) machte ihm so große Freude, dass er gleich im Anschluss mit der Zeit als junger Erwachsener weitermachte, nicht chronologisch allerdings, sondern wild gemischt anekdotisch, ganz im Stile des „poetischen Realismus“, dem es mehr auf die Erzählung als auf die Wahrheit ankommt. Von dem Dienstjahr im Regiment scheint vor allem ein mehrtägiger London-Aufenthalt außerhalb des Dienstes berichtenswert. Und auch vom Beruf des Apothekers, den Fontane immerhin bis 1849 ausübte, erfährt der Leser kaum etwas. Kurz danach heiratet er endlich, nach fünf Jahren Wartezeit, und beschließt bald darauf, für die Literatur den Beruf des Apothekers aufzugeben.

Wie in seinen Romanen, so ist es auch in seiner Biografie das Menschliche, das Fontane fasziniert, und die Lächerlichkeit, die allzu ernste Gedanken bewirken können. Zum Held seiner eigenen Geschichte hat sich Fontane hier nicht gemacht. Selten ist so schön dargestellt worden, wie in diesem Werk Fontanes, dass einem viel geschehen darf im Leben, nur eines nicht: Dass man sich selbst zu ernst nimmt.

Theodor Fontane: Von Zwanzig bis Dreißig. Aufbau Verlag, 980 Seiten, 58 Euro.