Liederabend

„Der Pianosalon ist kein Ort zum Schaulaufen, sondern zum Fühlen“

Kenner der Kammermusik zieht es in eine Klavierwerkstatt in Wedding

Da sage noch einmal jemand, das Kunstlied sei tot. Im Pianosalon Christophori ist an diesem Montag fast jeder Platz belegt, 170 Zuschauer sitzen auf ganz unterschiedlichen Stühlen mit bunten Kissen. Sie lachen, als der Pianist Daniel Heide über Konzertveranstalter witzelt, die einen Liederabend mit einem einzigen Komponisten nie wagen würden. Gerade haben er und der Bariton Tobias Berndt ihr Publikum mit einem Programm nur aus Liedern von Johannes Brahms glücklich gemacht. Dabei war das todessehnsüchtige Repertoire keine leichte Kost. Der Liedzyklus op. 32 etwa, mit Texten von August von Platen und Georg Friedrich Daume, führt in Abgründe der Hoffnungslosigkeit.

Dieses Gefühl zu vermitteln, ist keine leichte Aufgabe für den Sänger. Tobias Berndt gelingt es großartig, seine Konzentration geht ganz nach innen. Einmal kann eine Dame das Husten nicht unterdrücken. Der Sänger wendet sich ihr zu, mit leerem Blick haucht er: „Könnt ich je zu düster sein?“ Gänsehaut! Die Symbiose zwischen Sänger und Klavierpartner ist perfekt. Vor vier Jahren haben der Berliner Berndt und der aus Weimar kommende Heide hier zusammengefunden. 20 gemeinsame Liederabende haben sie seither europaweit gegeben. Immer wieder zieht es sie an diesen Sehnsuchtsort für Kammermusikliebhaber, an die Uferstraße 2 im Wedding.

Die backsteinernen Hallen am Pankeufer wurden vor gut 100 Jahren als Werkstätten der Berliner Verkehrsbetriebe errichtet. Seit 2006 haben Künstler mit ihren Ateliers Einzug gehalten, Tanz- und Filmstudios. Und seit vier Jahren mittendrin: Der Pianosalon Christophori – benannt nach seinem Gründer, dem Sammler und Hobbyrestaurator Christoph Schreiber. Eigentlich ist der Salon nichts anderes als eine Werkshalle. Mächtige Haken hängen von Schienen, die zwischen baumdicken Stahlträgern verlaufen. Aufgetürmt oder auf der Seite liegend sind ringsum Konzertflügel gelagert, Klavierdeckel sind an die Wand gelehnt. 120 Instrumente, die zum großen Teil auf ihre Restaurierung warten. Andere alte Schätze sind spielbereit, sieben davon stehen auf der Bühne. An den rohen Steinwänden hängen unzählige geschnitzte Notenpulte aus Kirsche, Nussbaum, sogar Ebenholz.

Rechts neben der Bühne, in die Ecke gedrängt, ist der Werkstattbereich. Eine kniehohe Kordel mit einem handgeschriebenen Schild trennt dieses Allerheiligste vom Zuschauerbereich. Auf der Bühne wechseln sich, mittlerweile fast jeden Abend, etablierte Interpreten mit Künstlern ab, die am Beginn ihrer Karriere stehen. Die Künstlergarderobe ist ein schmales Podest, über eine Feuertreppe erreichbar und nur mit schwarzem Filz abgeteilt. „Der Pianosalon ist kein Ort zum Schaulaufen“, sagt Daniel Heide, „sondern ein Ort zum Fühlen.“

Er selbst hat hier schon 25 Liederabende begleitet. Die intime Atmosphäre sei es, die Künstler immer wieder hierher ziehe. Und für Pianisten sei dies ohnehin ein Paradies, denn man könne auswählen zwischen modernen und historischen Instrumenten. Jeder Sänger findet sein Klavier. Und umgekehrt.