Konzert

Simon Rattle begleitet behutsam einen Altmeister am Klavier

Der Simon Rattle, der jetzt im Silvesterkonzert zu erleben ist, erinnert wieder an den lustvoll ungestümen Lockenkopf, der einst die Berliner Philharmoniker übernommen hat.

In seinem bezaubernden Programm zum Jahreswechsel sind zwei Slawische Tänze von Dvorak und einiges aus der „Hary Janos“-Suite von Kodaly untergebracht. Den Slawischen Tanz op. 46/2 lässt Rattle atemvoll, mit unglaublicher Melancholie vorführen. Der zweite Tanz op. 72/7 hingegen ist voller Aufsässigkeit, ja fast Getriebenheit. Die Zwischentöne des slawischen Repertoires liegen Rattle auf der Seele. Beim Kodaly am Ende fügt er noch das Märchenhafte, ja Absurde hinzu. Dabei können die Philharmoniker wieder alles an Klangschönheit ausbreiten, was sie zu bieten haben. Beiläufig werden auch die Fernsehkameras bedient. Da kommen bei den Schlagwerkern effektvoll Ketten zum Einsatz, und vor Rattle thront ein Zymbalist.

Die Sektkorken können knallen, aber das Klassik-Potpourri ist weit mehr als nur Silvester-Tralala. Es gibt eine tief berührende Seite. Simon Rattle präsentiert liebevoll einen Altmeister am Klavier. Menahem Pressler spielt Mozarts A-Dur-Konzert KV 488. Im Adagio führt er Einsamkeit vor, wie sie wohl nur 91-jährige lebensweise Pianisten erspüren können. Jeder Ton, jede Phrase sitzt. Es ist ein innerer Monolog. Pressler tastet sich vorwärts, als wäre die Musik gerade erst aufgefunden worden. Es ist ein Stocken und Fühlen. Dabei wird er von Rattle und den Philharmonikern voller Behutsamkeit begleitet. Dieser Mozart ist keine Sekunde dazu da, um Muskeln zu zeigen.

Im Finalsatz stürmt Pressler nicht, wie bei den Jüngeren üblich, fröhlich drauflos. Er setzt auf Charme und Witz – und nicht mehr auf Kraft oder Brillanz. Pressler erzählt auf unsentimentale Weise, wie viel ihm Mozart bedeutet. Am Ende des ersten Abends nimmt er gerührt die stehenden Ovationen vom Publikum entgegen. Und umarmt Rattle glücklich.

ARD Silvesterkonzert live aus der Philharmonie um 17.25 Uhr