Literatur

Späte Einsichten des Leibwächters Bernd Brückner

„Wir schlugen uns die meiste Zeit nur mit Kleinigkeiten herum und begleiteten ihn überall hin“, sagt Bernd Brückner.

Der 66-jährige Buchautor ist seit Monaten als Entertainer in Sachen DDR-Vergangenheit unterwegs. Er war der Leibwächter von Erich Honecker. Den empfanden viele als langweilige Figur, umso mehr muss Brückner mit seinen Anekdoten Farbe in die Vergangenheit bringen. Auf die Frage, ob es denn mal richtig gefährlich wurde, erzählt der Bodyguard von einem vermeintlichen Attentat. Honecker war im Südural zu einem Rockkonzert eingeladen. Dann gab es eine Programmänderung, die bei den russischen Rockfans auf Unmut stieß. Gläser flogen in Richtung Bühne und landeten auch nicht weit von Honeckers Loge. Es war Zeit, einzugreifen und das Staatsoberhaupt in Sicherheit zu bringen. „Ich befahl den Rückzug“, sagt Brückner. Das klingt nach Action.

Seine Erinnerungen hat Brückner in dem Buch „An Honeckers Seite: Der Leibwächter des Ersten Mannes“ (Das Neue Berlin, 14,99 Euro) niedergeschrieben. Darin schildert er, wie er Honecker und seine Mitarbeiter erlebte. Er macht es auffälligerweise mit großer Diskretion. Vielleicht wusste er auch gar nicht so viel, wie man denkt. Er beschreibt Honecker, den er im Buch „den Alten“ nennt, als einen sehr höflichen und genügsamen Menschen, dem er bis heute Respekt entgegen bringt. „Er hätte nie gedacht, dass ihm jemand etwas zuleide tun könnte“, sagt Brückner. Im Gegensatz zum spontanen Gorbatschow sei Honecker als zu schützende Person berechenbar gewesen. Nach dem Frühstück um 7 Uhr las er Zeitung und begann danach mit seiner Arbeit. Die Familie stand bei Honecker hinten an. Um zu entspannen, ging er zur Jagd, aber das geschah selten spontan.

Als Personenschützer war Brückner meistens in Honeckers unmittelbarer Umgebung. Er hatte einen Fulltime-Job, der ihm 2300 DDR-Mark netto einbrachte. Was seinerzeit sehr viel Geld war. Damals empfand er nichts dabei, wenn er nach den 24-Stunden-Schichten den westlichen Dienst-Citroën gegen seinen kleinen Trabant tauschte und aus dem Regierungsdorf Wandlitz nach Hause in die graue Plattenbausiedlung fuhr.

Jetzt ist Brückner regelmäßig bei Lesungen mit Diskussionen anzutreffen. Seine Haare sind über die Jahre ergraut, doch seine Größe und das breite Kreuz hat er noch immer. Ein durchtrainierte Mann. Er war 30 Jahre alt, als er 1976 in das „Sicherheitskommando Honecker“ kam. Seine Dienstzeit endete offiziell am 18. Oktober 1989. Nach einigen Jahren ohne Arbeit gründete er eine Schule für Detektive und Bodyguards. Erich Honecker hat er 1992 erstmals im Gefängnis in Moabit besucht. Bis dahin hatte er sich nie Gedanken über „die da oben“ gemacht. Brückners heutige Auftritte sind merkwürdig, weil viele Fragen offen bleiben.