Ausstellung

Das ersparte Geld für einen Anzug fließt in die Kunst

Galerie Aurel Scheibler erinnert an einst verfemte deutsche Expressionisten

Selten reißt eine Galerieausstellung den Horizont so weit auf: Gemälde und Graphiken, der Ort, an dem sie gezeigt werden, und die Personen – Schöpfer wie Kunsthändler – fokussieren einen Glanzpunkt der deutschen Kulturgeschichte. Unter dem Motto „Zwischen Dix und Mueller“ ist eine repräsentative Auswahl der von den Nazis verfemten Expressionisten zu sehen.

Dass sich die Galerie Scheibler aktuell den deutschen Expressionisten zuwendet, hat in diesen Räumen Tradition. Wo einst Ferdinand Möller ausstellte, einer der vier von den Nazis für den Verkauf sogenannter „entarteter Kunst“ zugelassenen Galeristen, zog 1933 die Galerie Nierendorf ein. Den Brüdern Karl und Josef lag die Förderung eben jener „Entarteten“ am Herzen. Vor allem Josef Nierendorf war es, der in einem für die Moderne besonders prädestinierten Oberlichtsaal den geschmähten Künstlern bis 1937 eine letzte Zuflucht bieten konnte.

Nach dem Krieg hat Florian Karsch die Nierendorf-Galerie wiedereröffnet. Als Sohn des Bildhauers Joachim Karsch, von dem die Bronze „Erwartung“, eine in sich gesunkene Frau (1934), zu sehen ist, und als Stiefsohn Josef Nierendorfs war es ihm mehr als eine Ehrenpflicht, die nach zwölfjähriger Barbarei kaum noch bekannten Künstler wieder der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Karsch, 89, gab bei der Vernissage die Episode zum Besten, wie ihn in frühen Jahren das Aquarell „Zwischen Bäumen stehende Mädchen“ von Otto Mueller so fasziniert hat, dass er das für einen Anzug ersparte Geld opferte und den Rest des Preises von seiner Kriegsversehrtenrente abstotterte. Dieses Blatt mit der Nummer 16558 erwies sich als das letzte von den Nazis beschlagnahmte Werk.

In den Scheibler-Räumen ist Mueller unter anderem mit der Lithographie „Zwei Mädchen am Waldteich“ vertreten. Daneben andere Künstler der „Brücke“-Vereinigung: Karl Schmidt-Rottluff, Emil Nolde und natürlich Ernst Ludwig Kirchner. Den Auftakt aber gibt George Grosz mit seinen sarkastischen Tuschezeichnungen. Alle diese betörend sinnlichen und sinnvollen Objekte gehören zum Nierendorf-Bestand. Anlass für die Exposition bot das Erscheinen einer Chronik der Galerie seit ihrer Neugründung 1955. Insofern versteht sich die von Aurel Scheibler konzipierte Ausstellung als eine Hommage an Florian Karsch. Nicht nur, dass Karsch aus kläglichen Anfängen heraus profunde Sammlungen der Werke Otto Muellers und Otto Dix’ zusammentrug, deren Graphik-Werkverzeichnisse verfasste und das Gesamt-werk von Joachim Karsch dokumentierte. Er avancierte auch zum wichtigsten Vertreter des Erbes von Ernst Barlach, zeitweise zum Alleinvertreter von Grosz, mit dem er befreundet war.

Galerie Aurel Scheibler, Schöneberger Ufer 71. Ausstellung bis 31. Januar.

Yvonne Groß Zwischen Dix und Mueller, Edition Andreae im Verlag Lexxion, 472 S.,34,80 Euro.