Literatur

„Ich hätte einen Bestseller schreiben müssen“

Karsten Krampitz war vor einer Dekade ein angesagter Ost-Autor. Irgendwann ist ihm der Glaube an den Durchbruch verloren gegangen

„Kann er uns hören?“ Mark denkt sich, dass er jedes Mal fünf Euro nehmen sollte, wenn er diese Frage hört. Dann hätte er auch bald keine Finanzprobleme mehr. Sein Vater hat nach dem dritten Schlaganfall sein Sprachzentrum verloren. Wenn er einen anschaut, weiß man nicht mehr, was er denkt. Ob er überhaupt etwas denkt? Für Mark ist diese Erstarrung willkommene Gelegenheit, dem Vater die Meinung zu sagen. „Ganz ehrlich, unser Verhältnis war noch nie so gut wie jetzt.“

Mark ist der Ich-Erzähler im neuen Roman des Brandenburger Autors Karsten Krampitz. „Wasserstand und Tauchtiefe“ (Verbrecher Verlag, 250 Seiten, 19 Euro) heißt das Buch. Es gehört in die Kategorie des Jetzt-rede-ich-Romans. Mit der ironisch durchtränkten Suada hat Karsten Krampitz Übung. Im Vorgängerbuch „Heimgehen“ (2009) hatte ein Ost-Rentner einen West-Journalisten in sein Heim gelassen, um über Oscar Brüsewitz, den DDR-Pfarrer, der sich 1976 selbst verbrannt hatte, zu sprechen. Der Journalist bekam auch gleich sein Fett mit: „Ein vierzigjähriger Lokalredakteur aus Hessen? Mein Herr, da haben Sie es ja weit gebracht.“

Bei Krampitz neuem Roman nun ist der Vater – der Herr Labitzke – derjenige, der zum Zuhören verdammt ist. Früher war er Bürgermeister in Schehrsdorf, einem fiktiven Ort in der DDR. Stark im Händeschütteln, verdienter SED-Funktionär, der an dem Sieg des Sozialismus auch daheim nicht zweifelte. Sein Sohn Mark konnte nicht so aufwachsen wie seine Klassenkameraden, die nach der Propaganda in der Schule das Gegenmittel im West-Fernsehen sahen. Heute ist der alte Mann weiterhin beliebt im Dorf, während Mark Gewaltfantasien hat: „Eine buddhistische Weisheit sagt: Wer loslässt, hat die Hände frei“, denkt er sich, wenn er die Hände vom Rollstuhl seines Vaters, der am Abhang steht, nimmt.

Ein, zwei Bier Vorsprung

Sein früherer Fahrer Albert, der mag ihn auch nicht. Als er Labitzke senior in einer Kneipe trifft, redet er auf den früheren „Genosse Bürgermeister“ ein, ohne Unterbrechung – „was man eben so sagt, wenn man ein, zwei Bier Vorsprung hat“. Albert verzeiht ihm nicht, dass er damals noch nicht mal einen der unzähligen Blumensträuße erhielt, die der Genosse Bürgermeister zu seinem Geburtstag geschenkt bekam: Pioniere, die Freunde von der FDJ, die Gewerkschaft, die Deutsch-Sowjetische Freundschaft, alle machten sie ihre Aufwartungen, alle brachten sie ihm Blumen. Für seinen Fahrer hatte er nichts übrig. Der musste sich tags darauf für seine Bitte entschuldigen.

Mark ist Mitte 40, Brandenburger, ohne festen Job, aber immer beschäftigt. Im Call-Center hat er gearbeitet, auch als Key-Account-Management-Assistant, das Erstarren seines Vaters kommt ihn nicht ungelegen, denn so hat er Beschäftigung und eine Wohnung mit Vater und Pflegekraft, für die er nicht aufkommen muss. „Mark ist verbittert. Er hat den beruflichen Anschluss verpasst, das wird auch nichts mehr“, sagt Karsten Krampitz. Mark hat Entscheidungen getroffen, die so lange vernünftig erschienen, bis sie sich als falsch herausstellten. So verpflichtete er sich, zur Nationalen Volksarmee (NVA) zu gehen, um später Geschichte studieren zu können. Mit dem Fall der Mauer war die Nachfrage nach Historikern mit dem „Spezialgebiet DDR-Geschichte“, ohnehin eine überschaubare Angelegenheit, verebbt.

Karsten Krampitz, Mitte 40, Brandenburger, ohne festen Job, aber immer beschäftigt – die Parallelen sind zu augenscheinlich, als dass sie sich übersehen ließen. Karsten Krampitz kann genauso heiß laufen wie Mark und sich in einem Monolog selbst das nächste Stichwort geben. In der Stunde in Prenzlauer Berg, in der wir uns treffen, wechselt seine Stimmung vom Glück über die feste Freundin über den Zorn auf die DDR („Was die einem für Dreck in den Kopf gesetzt haben. Ich glaube, ich habe da schon einen kleinen Klaps wegbekommen“) bis hin zu einer ratlosen Mutmacherei, was die eigene Zukunft angeht.

Seine Dissertation hat er gerade beendet, im kommenden Jahr werde er sich einen Job suchen müssen. Von der Schriftstellerei könne er nicht leben. Und das, obwohl er beim Bachmann-Wettbewerb ausgezeichnet wurde und das Döblin-Stipendium bekam. Anfang der Nuller Jahre hatte er seinen Moment. „Genaues Gespür und Talent zu schwarzem Humor“, attestierte ihm die „Faz“. Er war bei Ullstein. Dort wollte man ihn „äußerst fördern“, so sagte es eine Frau des Verlages damals bei einer Lesung im Roten Salon. Zudem berlinert Karsten Krampitz brutal, das kam damals gut an, weil es ungemein authentisch wirkte. Doch Eigentümer und Verantwortlichen wechselten bei Ullstein, und dann gab es dort irgendwann keinen Platz mehr für Zonenkinder mit Original-Mundart. „Ich hätte irgendwann ein Bestseller schreiben müssen“, sagt Karsten Krampitz.

„Wasserstand und Tauchtiefe“ wird kein Verkaufschlager. Sein Verlag ist umtriebig, aber klein, die Rezensionen erschienen tröpfelnd, im Amazon-Ranking steht er im Nirvana. Es wurmt ihn, aber er hat sich damit abgefunden. Auftritte im Roten Salon sind Geschichte. Kürzlich war beim Adventslesen der Linken in Ahlen, 100 Euro hat er bekommen. „Die haben es nicht so dicke im Westen“, sagt er und grinst schief.